Treffer
BGH Urteil

Revision gegen Verurteilung wegen Notzucht aufgehoben und zurückverwiesen

Gericht
BGH
Spruchkörper
1. Strafsenat
Aktenzeichen
4 StR 307/51
Datum
17.08.1951
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Der Angeklagte rügt seine Verurteilung wegen Notzucht in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung. Der BGH hebt die Verurteilung wegen Notzucht auf und verweist die Sache zur neuen Verhandlung an das Landgericht zurück; die übrige Verurteilung wegen Körperverletzung bleibt bestehen. Entscheidungsrelevant war, dass die Feststellungen das für vollendete Notzucht erforderliche Eindringen nicht hinreichend belegen. Urteilsgründe müssen nicht alle Zeugenaussagen wiedergeben; es genügen die wesentlichen Beweisergebnisse.

Abstrakte Rechtssätze

1

Für die vollendete Notzucht ist die naturgemäße Vereinigung der Geschlechtsteile beider Beteiligten erforderlich; eine äußerliche Berührung der Geschlechtsteile genügt nicht.

2

Urteilsgründe müssen nicht sämtliche Zeugenaussagen wörtlich wiedergeben; maßgeblich ist die Darstellung und Würdigung der wesentlichen Beweisergebnisse (§ 267 Abs. 1 S. 2 StPO).

3

Fehlen in den Feststellungen die Nachweise eines für den Tatbestand wesentlichen Merkmals, ist die Verurteilung insoweit aufzuheben und die Sache zur neuen Verhandlung zurückzuverweisen.

4

Einwendungen gegen die tatrichterliche Beweiswürdigung können im Revisionsverfahren grundsätzlich nicht nach § 337 StPO berücksichtigt werden; die Rückverweisung ermöglicht eine erneute Beweisaufnahme und -würdigung.

5

Lassen die Feststellungen das Vorliegen des vollendeten Delikts nicht erkennen, kommt eine Verurteilung wegen Versuchter Notzucht oder anderer in Betracht kommender Sexualstraftatbestände in Betracht, sofern die übrigen Tatbestandsmerkmale nachgewiesen werden können.

Vorinstanzen

Landgericht Siegen, 4. Dezember 1950

Rubrum

Im Namen des Volkes

In der Strafsache gegen den Bäcker Werner B., geboren am ███████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████ in [REDACTED], wegen Notzucht in Tateinheit mit Körperverletzung und wegen einer weiteren Körperverletzung

hat der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in der Sitzung vom 17. August 1951, an der teilgenommen haben:

Bundesrichter Krumme als Vorsitzender,

Bundesrichter Dr. Peetz Bundesrichter Dr. Hérchner Bundesrichter Glanzmann Bundesrichter Dr. Augustin als beisitzende Richter,

Oberstaatsanwalt [REDACTED] als Vertreter der Bundesanwaltschaft,

Justizobersekretär [REDACTED]

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts in Siegen vom 4. Dezember 1950, soweit Verurteilung wegen Notzucht in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung erfolgt ist, aufgehoben. In diesem Umfang wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an das Landgericht zurückverwiesen.

Im Übrigen wird die Revision des Angeklagten verworfen. In diesem Umfang hat der Angeklagte die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Von Rechts wegen

Gründe

Die Verfahrensrügen gehen fehl.

I.

Ausweislich der Sitzungsniederschrift vom 24. November 1950 haben sich die Prozessbeteiligten, insbesondere auch der Verteidiger und der Angeklagte, mit der Entlassung der Zeugen B. [REDACTED] und Sch. [REDACTED] einverstanden erklärt und zur Frage der Beeidigung dieser Zeugen keine Anträge gestellt; das Landgericht hat die Vereidigung der beiden genannten Zeugen beschlossen und diesen Beschluss ausgeführt (Bl. 31/R d.A.). In Verfahrensverstößen ist insoweit nicht erkennbar.

Die Revision kann auch nicht mit der Rüge durchdringen, dass in den Urteilsgründen einige Zeugenaussagen nicht erwähnt und einzelne Beweisergebnisse nicht oder nicht näher gewürdigt worden sind. Nach dem Gesetz (§ 267 Abs. 1 Satz 2 StPO) „sollen“ die Tatsachen, aus denen der Beweis gefolgert wird, in den Urteilsgründen angegeben werden. Jedoch ist es keineswegs erforderlich, dass alle Zeugenaussagen in den Urteilsgründen wiedergegeben und gewürdigt werden (RG JW 1935, 2065, 35). Es genügt die Wiedergabe der wesentlichen Beweisergebnisse.

Im Übrigen enthält die Unterlassung der Angabe von Beweistatsachen keine Gesetzesverletzung; sie kann demgemäß auch nicht zum Gegenstand eines Revisionsangriffs gemacht werden (RGSt 47, 109).

II. Sachlich-rechtlich ist die Revision teilweise begründet.

Soweit der Angeklagte wegen Notzucht in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt ist, kann ihm der Erfolg nicht versagt werden.

An der entscheidenden Stelle der Tatbestandsschilderung hat die Strafkammer lediglich festgestellt: Soviel wisse die Zeugin W. [REDACTED] noch genau, dass der Angeklagte sich im Stroh mit geöffneter Hose auf sie gelegt, ihr den Rock hochgezogen und sein Glied durch das Rosenbein „an ihren Geschlechtsteil geführt“ hat, wo es dann zum Samenerguss gekommen sei; unter dem Eindruck, dass sie sich an der einsamen Stelle dem über ihr liegenden Angeklagten nicht würde entziehen können, und in dem Gefühl der Unterlegenheit gegenüber seiner vorher bewiesenen Gewalttätigkeit habe sie ihn „gewähren lassen“.

Zum Tatbestand der vollendeten Notzucht gehört die Vollziehung des Beischlafs. Dazu ist die naturgemäße Vereinigung der Geschlechtsteile beider Beteiligten erforderlich; nach der ständigen Rechtsprechung des Reichsgerichts, der der Senat folgt, müsste der Angeklagte mindestens teilweise mit seinem Glied in die Scheide des Mädchens eingedrungen sein; eine äußerliche Berührung der Geschlechtsteile genügt nicht (RGSt 39, 60; 70, 174; RG GA 40, 39; RG LZ 1921, 109¹; 1922, 721, 4; RG JW 1930, 916, 17).

Der oben wiedergegebenen Feststellung der Strafkammer ist die Vereinigung der beiderseitigen Geschlechtsteile im Sinne der Rechtsprechung nicht zu entnehmen. Auch der Urteilszusammenhang lässt einen solchen Sachverhalt nicht zweifelsfrei erkennen. Wenn in den Urteilsgründen von einem „Gewährenlassen“, einem „Sichhingeben“, einem „Sichgeben in das Schicksal“ und einem „Geschlechtsverkehr“ die Rede ist, so bieten diese Wendungen keine Gewähr dafür, dass die Strafkammer die Überzeugung von der erfolgten Vereinigung der Geschlechtsteile in dem dargelegten Sinne gewonnen hat; sie können ebenso dahin verstanden werden, dass es die Zeugin K. [REDACTED] unter dem Zwang, der vom Angeklagten ausging, zur äußeren Berührung der Geschlechtsteile bis zum Samenerguss habe kommen lassen. Die Zweifel werden verstärkt durch die Feststellung des Landgerichts, dass die Zeugin die entscheidenden Vorgänge bei der Feldscheune nicht mehr mit der Genauigkeit wie die vorhergegangenen Ereignisse wiedergeben vermochte.

Die Annahme einer vollendeten Notzucht wird somit durch die Feststellungen nicht getragen. Insoweit war das angefochtene Urteil aufzuheben und die Sache an das Landgericht zurückzuverweisen.

In der neuen Hauptverhandlung wird die Strafkammer Gelegenheit haben, sich mit den Einwänden auseinanderzusetzen, mit denen sich die Revision gegen die tatrichterliche Beweiswürdigung gewendet hat und die im Revisionsverfahren nach dem Gesetz (§ 337 StPO) nicht berücksichtigt werden können.

Falls auf Grund der neuen Hauptverhandlung nicht die volle Überzeugung von der Vereinigung der Geschlechtsteile zu gewinnen ist, wird der Angeklagte wegen versuchter Notzucht in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung (§§ 177, 43, 223, 73 StGB) sowie gegebenenfalls in Tateinheit mit vollendetem Verbrechen gegen § 176 Abs. 1 Ziff. 1 (RG HRR 1934, Nr. 610; 1941 Nr. 220; BGHSt 1, 152) oder, sofern er nicht den Beischlaf, sondern nur eine äußerliche Berührung der Geschlechtsteile erstrebt hat, nur wegen Verbrechens gegen § 176 Abs. 1 Ziff. 1 StGB in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung zu verurteilen sein, vorausgesetzt, dass die sonstigen Tatbestandsmerkmale festgestellt werden können.

Soweit in den Tätlichkeiten gegenüber Schulte eine vorsätzliche Körperverletzung gefunden worden ist, hat die Nachprüfung des Urteils keine fehlerhafte Rechtsanwendung ergeben. Insoweit war die Revision, da das Urteil in diesem Punkt auch durch die Aufhebung der Verurteilung wegen Notzucht nicht berührt wird, mit der Kostenfolge gemäß § 473 StPO als unbegründet zu verwerfen.

Dr. Hérchner

Krumme ist beurlaubt und ortsabwesend und deshalb an der Unterschriftsleistung verhindert.

Bundesrichter Dr. PeetzGlanzmann
Dr. Augustin

Zitiert von (2)