Treffer
BGH Urteil

Diesel-Abschalteinrichtung: Differenzschaden nach § 823 Abs. 2 BGB und EG-FGV

Gericht
BGH
Spruchkörper
6a. Zivilsenat
Aktenzeichen
VIa ZR 233/23
Datum
08.07.2026
Rechtsgebiet
Zivilrecht
ECLI
ECLI:DE:BGH:2026:080726UVIAZR233.23.0
Quelle
Der Kläger verlangte vom Fahrzeughersteller wegen einer mutmaßlich unzulässigen Abschalteinrichtung Schadensersatz in Form der Rückabwicklung des Fahrzeugkaufs. Das Berufungsgericht hatte eine deliktische Haftung vollständig verneint. Der BGH bestätigt zwar die Ablehnung eines großen Schadensersatzes aus § 826 BGB, beanstandet aber die unterlassene Prüfung eines Differenzschadens nach § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 6, 27 EG-FGV. Die Sache wurde zur Ermöglichung weiteren Vortrags und erforderlicher Feststellungen zurückverwiesen.

Abstrakte Rechtssätze

1

§ 6 Abs. 1 und § 27 Abs. 1 EG-FGV sind Schutzgesetze im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB zugunsten des Fahrzeugkäufers.

2

Die Schutzgesetze der EG-FGV schützen den Fahrzeugkäufer vor einer Vermögenseinbuße nach der Differenzhypothese, die durch den Erwerb eines mit einer unzulässigen Abschalteinrichtung versehenen Fahrzeugs entsteht.

3

Die Verneinung einer Haftung aus §§ 826, 31 BGB schließt einen Anspruch auf Differenzschadensersatz aus § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 6 Abs. 1, 27 Abs. 1 EG-FGV nicht aus.

4

Ein Anspruch auf großen Schadensersatz in Form der Rückabwicklung des Kaufvertrags folgt nicht aus § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 6 Abs. 1, 27 Abs. 1 EG-FGV.

5

Das Tatgericht muss dem Kläger Gelegenheit geben, einen Differenzschaden darzulegen, und Feststellungen zu einem zumindest fahrlässigen Einbau einer unzulässigen Abschalteinrichtung treffen.

Vorinstanzen

vorgehend OLG München, 22. Februar 2023, Az: 36 U 1367/22

vorgehend LG Ingolstadt, 8. Februar 2022, Az: 81 O 307/19 Die

Tenor

Auf die Revision des Klägers wird der Beschluss des 36. Zivilsenats des Oberlandesgerichts München vom 22. Februar 2023 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Der Streitwert für das Revisionsverfahren wird auf bis 50.000 € festgesetzt.

Von Rechts wegen

Tatbestand

1

Der Kläger nimmt die Beklagte wegen der Verwendung unzulässiger Abschalteinrichtungen in einem Kraftfahrzeug auf Schadensersatz in Anspruch. Er erwarb im Oktober 2016 von einem Dritten einen neuen Audi A4 Avant, der mit einem 3,0-TDI-Dieselmotor (Schadstoffklasse Euro 6) ausgerüstet ist.

2

Der Kläger hat mit seiner in beiden Instanzen erfolglosen Klage im Wesentlichen verlangt, ihn im Wege des Schadensersatzes so zu stellen, als habe er den Kaufvertrag nicht abgeschlossen. Mit der vom Senat zugelassenen Revision verfolgt er seine Berufungsanträge weiter.

Entscheidungsgründe

3

Die Revision des Klägers hat Erfolg.

I.

4

Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung - soweit für das Revisionsverfahren von Interesse - im Wesentlichen wie folgt begründet:

5

Auf Grundlage des klägerischen Sachvortrags sei eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung nicht zu bejahen. Konkreter nachvollziehbarer Vortrag, aus dem sich eine unzulässige Abschalteinrichtung verbunden mit einem sittenwidrigen Verhalten der Beklagten ergeben könnte, fehle.

6

Eine Aussetzung oder Vorlage an den Europäischen Gerichtshof im Hinblick auf die ihm in der Rechtssache C-100/21 gestellten Fragen sei nicht angezeigt, da diese nicht entscheidungserheblich seien. Selbst wenn man unterstelle, dass der Gerichtshof dem Gutachten des Generalanwalts Rantos folgen werde, sei es Sache des nationalen Rechts, Schadensersatzansprüche des Käufers von Fahrzeugen gegenüber dem Hersteller zu regeln. Verstöße gegen die unionsrechtlichen Bestimmungen aber seien durch das nationale Recht schon wirksam sanktioniert.

II.

7

Diese Erwägungen halten der Überprüfung im Revisionsverfahren nicht in allen Punkten stand.

8

1. Allerdings begegnet es keinen revisionsrechtlichen Bedenken, dass das Berufungsgericht eine Haftung der Beklagten aus §§ 826, 31 BGB verneint hat. Die Revision erhebt insoweit auch keine konkreten Einwendungen.

9

2. Die Revision wendet sich jedoch mit Erfolg dagegen, dass das Berufungsgericht eine Haftung der Beklagten nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV nicht ausdrücklich erwogen hat. Wie der Senat nach Erlass des angefochtenen Beschlusses entschieden hat, sind die Bestimmungen der § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV Schutzgesetze im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB, die das Interesse des Fahrzeugkäufers gegenüber dem Fahrzeughersteller wahren, nicht durch den Kaufvertragsabschluss eine Vermögenseinbuße im Sinne der Differenzhypothese zu erleiden, weil das Fahrzeug entgegen der Übereinstimmungsbescheinigung eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne des Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 aufweist (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 29 bis 32).

10

Das Berufungsgericht hat daher zwar zu Recht einen Anspruch des Klägers auf die Gewährung sogenannten "großen" Schadensersatzes verneint (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 22 bis 27). Es hat jedoch nicht berücksichtigt, dass dem Kläger nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV ein Anspruch auf Ersatz eines erlittenen Differenzschadens zustehen kann (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, aaO Rn. 28 bis 32; ebenso BGH, Urteile vom 20. Juli 2023 - III ZR 267/20, NJW 2024, 361 Rn. 21 ff.; - III ZR 303/20, juris Rn. 16 f.; Urteil vom 12. Oktober 2023 - VII ZR 412/21, juris Rn. 20). Demzufolge hat das Berufungsgericht weder dem Kläger Gelegenheit zur Darlegung eines solchen Schadens gegeben, noch hat es Feststellungen zu einer deliktischen Haftung der Beklagten wegen des zumindest fahrlässigen Einbaus einer unzulässigen Abschalteinrichtung getroffen.

III.

11

Die angefochtene Entscheidung ist demnach aufzuheben, § 562 Abs. 1 ZPO, weil sie sich nicht aus anderen Gründen als richtig darstellt, § 561 ZPO. Der Senat kann nicht in der Sache selbst entscheiden, weil diese nicht zur Endentscheidung reif ist, § 563 Abs. 3 ZPO. Sie ist daher zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO.

12

Das Berufungsgericht wird auf der Grundlage der mit Urteil des Senats vom 26. Juni 2023 in der Sache VIa ZR 335/21 aufgestellten Grundsätze die erforderlichen Feststellungen zu einer Haftung der Beklagten nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV zu treffen haben, nachdem es dem Kläger Gelegenheit gegeben hat, den Differenzschaden zu berechnen und dazu vorzutragen.

C. FischerKatzensteinPastohr
MessingF. Schmidt

Zitiert (4)