Treffer
BGH Beschluss

BGH: Gehörsverletzung durch überspannte Darlegungsanforderungen bei Thermofenster-Vorwurf

Gericht
BGH
Spruchkörper
6a. Zivilsenat
Aktenzeichen
VIa ZR 1154/23
Datum
05.05.2026
Rechtsgebiet
Zivilrecht
ECLI
ECLI:DE:BGH:2026:050526BVIAZR1154.23.0
Quelle
Der Kläger macht Schadensersatz wegen einer temperaturabhängigen Abschalteinrichtung (Thermofenster) seines BMW geltend. Der BGH hebt die Berufungsentscheidung auf, weil das Berufungsgericht die Darlegungsanforderungen überspannt und damit gegen Art. 103 Abs. 1 GG verstoßen hat. Nach ständiger Rechtsprechung genügt die Behauptung, die Abgasrückführung wirke nur innerhalb eines softwaredefinierten Temperaturrahmens und werde im realen Betrieb reduziert oder deaktiviert; weitergehende technische Detailangaben sind nicht erforderlich. Die Sache wird zur neuen Verhandlung an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Abstrakte Rechtssätze

1

Zur Behauptung des Vorliegens einer temperaturabhängigen Abschalteinrichtung (Thermofenster) genügt die Darstellung, dass die Abgasrückführung nur innerhalb eines in der Motorsteuerungssoftware definierten Temperaturrahmens voll funktioniert und im realen Betrieb bei bestimmten Außentemperaturen reduziert oder deaktiviert wird.

2

Weitergehender Vortrag zu technischen Details oder die Angabe exakter Temperaturgrenzen ist nicht erforderlich, soweit es auf das bloße objektive Vorliegen einer unzulässigen Abschalteinrichtung im Sinne von Art. 3 Nr. 10, Art. 5 Abs. 2 S. 1 VO (EG) Nr. 715/2007 ankommt.

3

Das Berufungsgericht darf den Kläger nicht verpflichten, aufgrund der Bestreitung der Beklagten darzulegen, weshalb deren Vortrag unzutreffend sei oder ob die temperaturabhängige Steuerung anhand der Umgebungsluft-, Ansaug- oder Ladelufttemperatur erfolgt; solche Anforderungen überschreiten die zulässige Substantiierungspflicht.

4

Verletzt ein Gericht durch überspannte Darlegungsanforderungen das rechtliche Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) und ist nicht ausgeschlossen, dass bei Berücksichtigung des vorgebrachten Sachvortrags anders entschieden würde, so ist die Sache zur neuen Verhandlung zurückzuverweisen.

Vorinstanzen

vorgehend OLG Stuttgart, 21. November 2023, Az: 16a U 330/21

vorgehend LG Heilbronn, 12. Februar 2021, Az: 8 O 315/20

Tenor

Auf die Nichtzulassungsbeschwerde des Klägers wird der Beschluss des 16a. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 21. November 2023 aufgehoben.

Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Nichtzulassungsbeschwerde, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Der Gegenstandswert des Nichtzulassungsbeschwerdeverfahrens wird auf bis 35.000 € festgesetzt.

Gründe

I.

1

Der Kläger nimmt die Beklagte wegen der Verwendung unzulässiger Abschalteinrichtungen in einem Kraftfahrzeug auf Schadensersatz in Anspruch. Er erwarb im Januar 2018 von einem Dritten einen von der Beklagten hergestellten gebrauchten BMW 535 D Touring X-Drive, der mit einem Dieselmotor der Baureihe N57 (Schadstoffklasse Euro 6) ausgerüstet ist.

2

Die zuletzt auf Zahlung "großen" Schadensersatzes, Feststellung des Annahmeverzugs und der Ersatzpflicht der Beklagten für weitere Schäden sowie auf Zahlung von vorgerichtlichen Rechtsanwaltskosten nebst Zinsen und hilfsweise auf Zahlung des Differenzschadens in Höhe von 15 % des Kaufpreises nebst Zinsen gerichtete Klage hatte in den Vorinstanzen keinen Erfolg.

3

Gegen die Berufungsentscheidung wendet sich der Kläger mit seiner Nichtzulassungsbeschwerde. Mit der beabsichtigten Revision möchte er seine Berufungsanträge weiterverfolgen.

II.

4

Die Nichtzulassungsbeschwerde des Klägers hat Erfolg. Sie führt gemäß § 544 Abs. 9 ZPO zur Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht. Das Berufungsgericht hat den Anspruch des Klägers auf rechtliches Gehör in entscheidungserheblicher Weise verletzt.

5

1. Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung - soweit hier von Interesse - darauf gestützt, der Kläger habe keine hinreichenden Anhaltspunkte zum Vorhandensein einer unzulässigen Abschalteinrichtung in dem streitgegenständlichen Fahrzeug vorgetragen. Dies gelte namentlich für die klägerische Behauptung, dass in dem Fahrzeug ein von der Außentemperatur abhängiges Thermofenster eingesetzt werde. Dies habe die Beklagte bestritten, ohne dass der darlegungs- und beweisbelastete Kläger dies zum Anlass genommen habe, seinen Tatsachenvortrag durch greifbare Anhaltspunkte zu untermauern.

6

2. Soweit das Berufungsgericht mit dieser Begründung deliktische Ansprüche des Klägers verneint hat, liegt darin eine Verletzung des Anspruchs des Klägers auf rechtliches Gehör, was die Nichtzulassungsbeschwerde mit Erfolg rügt.

7

a) Die entscheidungstragende Annahme des Berufungsgerichts, der Kläger habe zum Vorliegen eines Thermofensters im klägerischen Fahrzeug nicht substantiiert vorgetragen, beruht auf einer Verletzung rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG).

8

aa) Der Kläger hat ausweislich der Feststellungen des Berufungsgerichts vorgetragen, dass in seinem Fahrzeug ein von der Außentemperatur abhängiges Thermofenster als gesetzeswidrige Emissionsminderungsstrategie in der Abgasbehandlung eingesetzt werde. Die Abgasrückführung werde nur in einem Temperaturbereich zwischen 17°C und 33°C zu 100 % vorgenommen. Bei Außentemperaturen über +33°C und unter -11°C werde die Abgasrückführung vollständig deaktiviert und zwischen +17°C und -11°C drastisch reduziert.

9

bb) Damit aber hatte der Kläger zum Vorliegen eines Thermofensters im streitgegenständlichen Fahrzeug hinreichend vorgetragen.

10

Nach der Rechtsprechung des Senats (BGH, Urteil vom 25. September 2024 - VIa ZR 347/22, juris Rn. 14 f.) genügt dafür die Behauptung, die Abgasrückführung funktioniere nur innerhalb eines in der Motorsteuerungssoftware definierten Temperaturrahmens ohne Einschränkungen, werde im realen Betrieb hingegen abhängig von der Umgebungstemperatur bei in Deutschland herrschenden Außentemperaturen reduziert oder ausgeschaltet mit der Folge der Überschreitung der Grenzwerte für den Stickoxidausstoß. Weitergehender Vortrag zu den technischen Details und insbesondere dem exakten Temperaturbereich des Thermofensters kann dann nicht verlangt werden, sofern es auf das bloße, objektive Vorliegen einer unzulässigen Abschalteinrichtung im Sinne von Art. 3 Nr. 10, Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 ankommt und zwischen den Parteien lediglich streitig ist, bei welchen Umgebungstemperaturen die Abgasrückführung reduziert und deaktiviert wird. Dies gilt auch, soweit der Bezugspunkt dieser temperaturabhängigen Steuerung der Abgasrückführung streitig ist. Denn auch die Frage, ob eine temperaturabhängige Steuerung der Abgasrückführung anhand der Umgebungsluft-, Ansaugluft- oder Ladelufttemperatur erfolgt, stellt gleichermaßen lediglich ein technisches Detail dar.

11

bb) Gemessen an diesen Grundsätzen hat das Berufungsgericht mit seiner Annahme, der Kläger habe zum Vorliegen einer unzulässigen Abschalteinrichtung im Sinne von Art. 3 Nr. 10, Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 nur unsubstantiiert vorgetragen, die Darlegungsanforderungen offenkundig und damit unter Verletzung von Art. 103 Abs. 1 GG (vgl. nur BGH, Beschluss vom 7. Juli 2020 - VI ZR 212/19, VersR 2021, 601 Rn. 10; Beschluss vom 11. Oktober 2022 - VI ZR 361/21, ZIP 2022, 2572 Rn. 8; jeweils mwN) überspannt. Das Berufungsgericht hat insoweit zunächst ohne Rechtsfehler angenommen, dass der klägerische Vortrag zur Einstufung der außentemperaturabhängigen Steuerung der Abgasrückführung als unzulässige Abschalteinrichtung hinreichend substantiiert war. Indem das Berufungsgericht angesichts des Bestreitens der Außentemperaturabhängigkeit des Thermofensters durch die Beklagte den Kläger für verpflichtet gehalten hat darzulegen, weshalb der entgegenstehende Vortrag der Beklagten unzutreffend sein solle, und dazu vorzutragen, ob Bezugspunkt dieser temperaturabhängigen Steuerung der Abgasrückführung in seinem Fahrzeug die Umgebungsluft-, Ansaugluft- oder Ladelufttemperatur ist, hat es die Anforderung an den substantiierten Vortrag einer unzulässigen Abschalteinrichtung in offenkundiger Weise überspannt.

12

b) Die Gehörsverletzung ist entscheidungserheblich. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass das Berufungsgericht bei Berücksichtigung dieses Vorbringens einen Schadensersatzanspruch des Klägers wegen der Verwendung einer unzulässigen Abschalteinrichtung für gegeben erachtet hätte.

C. FischerOstwaldtSpielmann
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