Treffer
BGH Urteil

Revision gegen Verurteilung wegen Vergewaltigung verworfen

Gericht
BGH
Spruchkörper
3. Strafsenat
Aktenzeichen
3 StR 395/89
Datum
10.01.1990
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Der Angeklagte legte Revision gegen das Urteil des Landgerichts Kiel ein, das ihn wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung verurteilte. Streitpunkte waren die Glaubwürdigkeit der Geschädigten, deren verzögerte Flucht und die subjektive Tatseite. Der BGH verwirft die Revision: die tatrichterliche Beweiswürdigung ist bindend, und eindeutige Feststellungen zum äußeren Tatgeschehen heben die unterbliebene ausdrückliche Erörterung des Vorsatzes nicht als durchgreifenden Rechtsfehler auf. Alkoholisierung des Täters führt nicht automatisch zur Aufhebung des Urteils.

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Würdigung der Beweise und die Überzeugungsbildung des Tatrichters sind für das Revisionsgericht bindend, sofern keine durchgreifenden Rechtsfehler vorliegen.

2

Das Zögern oder Verzögern eines Opfers, sich zu entfernen, kann tatrichterlich als Folge realer Furcht gewürdigt werden; konkrete Umstände (z. B. unzureichende Bekleidung, weinendes, verstörtes Auftreten) stärken die Glaubhaftigkeit der Darstellung.

3

Die unterlassene ausdrückliche Erörterung des subjektiven Tatvorsatzes begründet nur dann einen durchgreifenden Rechtsfehler, wenn die Feststellungen zum äußeren Tatgeschehen nicht eindeutig sind; eindeutige Feststellungen können die Unterlassung kompensieren.

4

Eine erhebliche Alkoholisierung des Täters schließt den Tatvorsatz nicht von vornherein aus und begründet allein keinen Revisionsgrund, sofern die sonstigen Feststellungen das Tatgeschehen eindeutig tragen.

Vorinstanzen

Landgericht Kiel, 7. Juni 1989

Rubrum

IM NAMEN DES ██████

3 StR 395/89 URTEIL

in der Strafsache gegen Holger Herbert Otto ██ aus ███, geboren am ███ ██ 1948 in Kal[REDACTED] (Kreis [REDACTED]), wegen Vergewaltigung u. a.

Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 10. Januar 1990, an der teilgenommen haben: Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Dr. Ruf, die Richter am Bundesgerichtshof Dr. Krauth, Dr. Gribbohm, Zschockelt, Dr. Rissing-van Saan als beisitzende Richter, Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof Dr. █ als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Justizangestellte ██ als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

Tenor

Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Kiel vom 7. Juni 1989 wird verworfen.

Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

von Rechts wegen

Gründe

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit sexueller Nötigung verurteilt. Die Revision des Angeklagten hat keinen Erfolg.

Das Ergebnis der Beweisaufnahme zu würdigen, ist Sache des Tatrichters. Seine Überzeugungsbildung ist für das Revisionsgericht bindend, wenn – wie hier – durchgreifende Rechtsfehler nicht vorliegen (vgl. BGHSt 29, 18, 20; BGH MDR 1988, 425).

Das Landgericht hat ersichtlich die Erklärung der Zeugin hingenommen, sie habe im Hinblick auf die angedrohten Schläge auch Angst gehabt, durch Schreien Hilfe aus dem benachbarten Wohnzimmer zu holen, zumal sie nicht davon ausgegangen sei, dass es einer der anderen gewagt hätte, sich einzumischen. Diese mögliche Erklärung unterliegt allein tatrichterlicher Wertung, auch wenn sich im Nebenzimmer die Freundin der Geschädigten und der Mann befanden, mit dem sie einige Zeit zuvor Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte.

Zwar hat das Landgericht nicht ausdrücklich erörtert, warum die Geschädigte nicht sofort aus dem Bett entfloh, als die Wohnungsinhaberin mehrfach die Schlafzimmertür öffnete, sondern erst die Gelegenheit zu fliehen ergriff, als Frau ███████ sich zu dem Angeklagten legte und Anstalten machte, mit ihm geschlechtlich zu verkehren. Während sich dieses Verhalten für den Tatrichter ersichtlich mit der Angst des Opfers erklärte, war für die Beweiswürdigung augenscheinlich der die Glaubwürdigkeit der Geschädigten stützende Umstand wesentlich, dass diese nur unzureichend bekleidet und ohne ihr Geld weinend aus der Wohnung floh und „ganz verstört“ bei einem Nachbarn klingelte.

Zur subjektiven Tatseite hat sich das Landgericht nicht mit dem Wissen und Wollen des Angeklagten befasst, dass das Opfer aufgrund seiner Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum Beischlaf genötigt wurde. Immerhin war der erheblich alkoholisierte (BAK um 2 ‰) Angeklagte nach den Angaben der Geschädigten „nicht gewalttätig“ geworden, und diese hatte zuvor freiwillig mit einem anderen Zärtlichkeiten ausgetauscht. Die Feststellungen zum äußeren Tatgeschehen (UA S. 13), insbesondere das wiederholte Androhen von Schlägen auf die Bitten der Zeugin, sie in Ruhe zu lassen, sind aber so eindeutig, dass hier in der unterbliebenen Erörterung kein durchgreifender Rechtsfehler zu sehen ist.

RufGribbohmRissing-van Saan
KrauthZschockelt
Revision gegen Verurteilung wegen Vergewaltigung verworfen — Themis