Treffer
BGH Urteil

Revision verworfen: Verneinung des minder schweren Falls (§ 250 Abs. 2 StGB) hält stand

Gericht
BGH
Spruchkörper
3. Strafsenat
Aktenzeichen
3 StR 145/91
Datum
26.06.1991
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Die Revisionen gegen das Urteil wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung werden verworfen. Streitgegenstand war die Frage, ob ein minder schwerer Fall i.S.d. § 250 Abs. 2 StGB vorliegt und ob die Strafzumessung rechtlich fehlerhaft ist. Der BGH sieht keine Rechtsfehler; die Gesamtwürdigung des Tatrichters und die Berücksichtigung strafmildernder und -schärfender Umstände genügen den Anforderungen.

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Entscheidung, ob ein Fall des § 250 Abs. 2 StGB als minder schwer anzusehen ist, beruht auf einer Gesamtwürdigung von Tat und Täter; das Revisionsgericht darf nur bei Rechtsfehlern eingreifen.

2

Für die Annahme eines minder schweren Falls ist maßgeblich, ob das gesamte Tatbild einschließlich subjektiver Momente in erheblichem Maße vom Durchschnitt der Fälle abweicht.

3

Die Strafzumessung und die Wahl des Strafrahmens sind primär Aufgabe des Tatrichters; die Erwähnung weiterer strafmildernder Umstände begründet keinen Rechtsfehler, sofern eine Gesamtabwägung ersichtlich ist.

4

Die Erwähnung strafschärfender Gesichtspunkte wie vorsätzliche und umsichtig geplante Tatbegehung ist bei der Strafzumessung zulässig und verletzt § 46 Abs. 3 StGB nicht, wenn die Begründung eine sachgerechte Würdigung erkennen lässt.

Vorinstanzen

Landgericht Duisburg, 19. Dezember 1990

Rubrum

IM NAMEN ███ ██████ URTEIL

3 StR 145/91 in der Strafsache gegen Seques aus MC, dort Christian geboren am 22. Februar 1969, Jörg Kesper, geboren am 22. Mai 1969 in [REDACTED], wegen schweren Raubes u. a.

Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 26. Juni 1991, an der teilgenommen haben:

Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Dr. Ruß, die Richter am Bundesgerichtshof Zschockelt, Dr. Rissing-van Saan, Blauth, Dr. Miebach als beisitzende Richter, Bundesanwalt C., als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Rechtsanwalt C. für den Angeklagten Kesper als Verteidiger, Justizamtsinspektorin C. als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

Tenor

Die Revisionen der Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Duisburg vom 19. Dezember 1990 werden verworfen.

Jeder Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Von Rechts wegen

Gründe

Das Landgericht verurteilte die Angeklagten wegen – in Mittäterschaft begangenen – schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung jeweils zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten.

Der Angeklagte ███████ rügt mit seiner Revision die Verletzung formellen und sachlichen Rechts. Der Angeklagte Kesper stützt seine Revision, mit der er sich nach ausdrücklicher, bereits bei Rechtsmitteleinlegung abgegebener Erklärung ausschließlich gegen den Strafausspruch wendet, auf die Sachbeschwerde; die zunächst nur allgemein erhobene und damit unzulässige Verfahrensrüge verfolgt er nicht weiter.

Beide Rechtsmittel bleiben ohne Erfolg.

1. Die Sachrüge des Angeklagten Seques ist, soweit sie sich mit Angriffen, welche die Feststellungen zum Schuldumfang betreffen, gegen den Schuldspruch wendet, unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO. Die von ihm außerdem erhobene Verfahrensbeschwerde entspricht nicht den Anforderungen des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO und ist daher unzulässig.

Die Strafausprüche halten der auf Grund beider Rechtsmittel vorzunehmenden sachlichrechtlichen Nachprüfung ebenfalls stand.

a) Insbesondere unterliegt keinen durchgreifenden rechtlichen Bedenken, dass das Landgericht bei beiden Angeklagten die Voraussetzungen eines minder schweren Falles nach § 250 Abs. 2 StGB jeweils verneint hat.

aa) Auch für die in der Feststellung eines solchen minder schweren Falles liegende Strafrahmenwahl gilt, dass die Strafzumessung grundsätzlich Sache des Tatrichters ist, weil er am ehesten in der Lage ist, sich auf Grund der Hauptverhandlung einen umfassenden Eindruck von Tat und Täter zu verschaffen. Bei der Gewichtung einzelner für die Strafrahmenwahl wesentlicher Umstände können Momente eine Rolle spielen, die aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung und dem Eindruck der Persönlichkeit eines Angeklagten gewonnen sind und die sich einer exakten Richtigkeitskontrolle entziehen, eine volle Nachprüfung durch den Revisionsrichter somit nicht zulassen. Das Revisionsgericht kann daher auch insoweit ebenso wie bei der Strafhöhenbemessung nur eingreifen, wenn die durch den Tatrichter vorgenommene Beurteilung Rechtsfehler erkennen lässt, etwa weil die maßgeblichen Erwägungen rechtlich anerkannten Strafzumessungsgrundsätzen zuwiderlaufen, in sich widersprüchlich oder in dem Sinne lückenhaft sind, dass naheliegende, strafmildernde Gesichtspunkte nicht erkennbar bedacht worden sind.

Für die Entscheidung, ob der Strafrahmen des § 250 Abs. 2 StGB Anwendung finden kann, gilt, dass sie auf Grund einer Gesamtwürdigung aller für die Wertung von Tat und Täter in Betracht kommender Umstände danach zu treffen ist, ob das gesamte Tatbild einschließlich aller subjektiven Momente und der Täterpersönlichkeit vom Durchschnitt der erfahrungsgemäß gewöhnlich vorkommenden Fälle in einem so erheblichen Maße abweicht, dass der Regelstrafrahmen nicht mehr angemessen ist (st. Rspr. des Bundesgerichtshofs, vgl. u. a. BGHSt 26, 97, 98; BGHR StGB vor § 1/mF Gesamtwürdigung, fehlerfreie 1 und Gesamtwürdigung 6, jeweils mit weiteren Nachweisen). Lassen die gesamten Umstände, die für die Wertung der Tat und des Täters bedeutsam sein können, die Annahme eines minder schweren Falles als fernliegend oder gar abwegig erscheinen, etwa weil besonders gravierende Gesichtspunkte Tat und Täter entscheidend prägen, verlangt (auch) das sachliche Recht allerdings nicht, darauf im Urteil einzugehen (vgl. BGHR StGB vor § 1/mF Gesamtwürdigung, fehlende 1). Auch dem Maß des Begründungsaufwands nach bestimmen sich die sachlichrechtlichen Anforderungen, die an die Entscheidung der Frage eines minder schweren Falles zu stellen sind, danach, ob die Anwendung des Ausnahmestrafrahmens sich aufdrängt, lediglich vertretbar erscheint oder sich gar als nur nicht ganz fernliegend darstellt (vgl. dazu BGH, Urteil vom 27. März 1991 – 3 StR 418/90).

bb) Gemessen an diesen Grundsätzen genügen die Ausführungen des Landgerichts zur Frage des § 250 Abs. 2 StGB dem sachlichen Recht. Die Strafkammer hat insbesondere deutlich gemacht, dass sie ihrer Beurteilung eine Gesamtwürdigung zugrunde gelegt hat. Sie hat außerdem die Gründe, die ihr für die Ablehnung eines minder schweren Falles, jeweils bezogen auf den einzelnen Angeklagten, wesentlich erschienen sind, aufgeführt. Bei der Würdigung dieser Ausführungen ist zu beachten, dass der von den Angeklagten unter Mitwirkung eines weiteren Mittäters begangene Raubüberfall auf zwei Firmenbedienstete, die eine sogenannte Geldbombe zum Nachtresor einer Sparkassenfiliale bringen wollten, schwer wiegt. Er war zur Verminderung des Risikos für die Täter umsichtig vorausgeplant und wurde dann unter Verletzung beider Tatopfer durch den von Anfang an vorgesehenen Einsatz von Reizgas mit einer beträchtlichen, den Erwartungen der Angeklagten in etwa entsprechenden Beute von 15.000 DM durchgeführt. Gründe, welche die Annahme eines minder schweren Falles hätten naheliegend erscheinen lassen, ergaben sich demnach aus dem Tathergang als solchem nicht. Unter diesen Umständen ist es rechtlich nicht zu beanstanden, wenn das Landgericht bei den entsprechend zu verstehenden Einzelbetrachtungen im Wesentlichen nur darauf eingegangen ist, dass bestimmte im Vordergrund stehende strafmildernde Gesichtspunkte, die aus den persönlichen Verhältnissen der Angeklagten (finanzielle Schwierigkeiten, verhältnismäßig jugendliches Alter) oder aus dem Nachtatverhalten des Angeklagten Kesper hergeleitet worden sind, nicht das Gewicht zukommt, dass dadurch die Schwere der Tat in einem die Annahme eines minder schweren Falles rechtfertigenden Maße ausgeglichen wäre.

Die Erwägungen, mit denen die Strafkammer die finanziellen Schwierigkeiten, in denen sich die Angeklagten befunden hatten, in ihrer Bedeutung relativiert hat, legen auch nicht die Besorgnis nahe, sie habe verkannt, dass die Anwendung des ermäßigten Strafrahmens nicht nur in ausgesprochenen Ausnahmefällen, beim Vorliegen einer Ausnahmetat oder außergewöhnlicher Umstände, gerechtfertigt ist, sondern dass entscheidend ist, ob der Fall insgesamt minder schwer wiegt (vgl. BGHR StGB vor § 1/mF Gesamtwürdigung 6 und § 46 III Raub 2). Nach dem trotz missverständlicher Wortwahl erkennbaren Sinn der Ausführungen wollte das Landgericht damit nur zum Ausdruck bringen, dass die finanziellen Schwierigkeiten der Angeklagten angesichts der objektiven Schwere der Tat nachhaltiger hätten sein müssen, um die Anwendung des Regelstrafrahmens in diesem konkreten Fall als unangemessen erscheinen zu lassen. Diese Bewertung ist rechtlich nicht zu beanstanden.

Dass bei der Strafhöhenbemessung weitere strafmildernde Gesichtspunkte zusätzlich erwähnt worden sind, macht das Vorgehen der Strafkammer ebenfalls nicht rechtsfehlerhaft (vgl. BGHR StGB vor § 1/mF Gesamtwürdigung, fehlerfreie 3) und lässt angesichts der vorangestellten grundsätzlichen Erwägungen zur Feststellung eines minder schweren Falles nicht besorgen, dass diese Gesichtspunkte bei der Entscheidung über die Anwendung des Strafrahmens des § 250 Abs. 2 StGB außer Betracht geblieben sind. Daraus ist lediglich zu folgern, dass das Landgericht, ohne dass dies rechtsfehlerhaft ist, diesen weiteren Umständen im Rahmen der Gesamtabwägung Bedeutung beigemessen hat.

b) Die Strafzumessung gibt auch sonst zu rechtlichen Beanstandungen keinen Anlass.

Der mit der Revision gerügte Hinweis, dass der Angeklagte Kesper das Tatmittel beschafft und „den massivsten und aggressivsten Tatbeitrag“ geleistet habe, bedeutet keinen Verstoß gegen § 46 Abs. 3 StGB, sondern sollte ersichtlich nur deutlich machen, weshalb die Strafkammer gegen diesen Angeklagten trotz der in seiner Person gegebenen Milderungsgründe (bisherige Straffreiheit, Bemühungen um Teilwiedergutmachung) auf eine gleich hohe Strafe wie gegen den Mitangeklagten Seques erkannt hat, obwohl dieser bereits wiederholt strafrechtlich in Erscheinung getreten war und sich nicht um Wiedergutmachung bemüht hatte. Dagegen ist rechtlich nichts zu erinnern.

Da die der Tat vorausgegangene Planung umsichtig war und damit Rückschlüsse auf eine erhöhte kriminelle Intensität bei der Tatbegehung zulässt, unterliegt schließlich auch die strafschärfende Erwähnung der Tatplanung beim Angeklagten Seques keinen rechtlichen Bedenken nach § 46 Abs. 3 StGB.

Rissing-van SaanRußBlauth
ZschockeltMiebach
Revision verworfen: Verneinung des minder schweren Falls (§ 250 Abs. 2 StGB) hält stand — Themis