Revision im Vergewaltigungsprozess: Aufhebung wegen fehlerhafter Beweiswürdigung und Zurückverweisung
- Gericht
- BGH
- Spruchkörper
- 2. Strafsenat
- Aktenzeichen
- 2 StR 704/83
- Datum
- 15.02.1984
- Rechtsgebiet
- Strafrecht
Abstrakte Rechtssätze
Hat der Tatrichter gemäß § 244 Abs. 2 StPO einen Sachverständigen beauftragt, sind für später eingetretene, für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit oder der Tatfolgen bedeutsame Tatsachen ergänzend vom Sachverständigen zu erörtern oder ein zusätzliches Gutachten einzuholen.
Der Richter darf bei seiner Beweiswürdigung nicht auf Umstände abstellen, die dem eingeholten Sachverständigen unbekannt waren, ohne diesen oder einen weiteren Sachverständigen hierüber zu befragen.
Wenn das Gericht eine konkrete Möglichkeit in Betracht zieht, dass ein anderer Beteiligter die relevanten Verletzungen verursacht haben könnte, hat es diesen Zeugen zu der Frage, ob er die Verletzungen beigebracht hat, zu vernehmen.
Reine, nicht durch tatsächliche Anknüpfungspunkte gestützte theoretische Möglichkeiten sind bei der richterlichen Überzeugungsbildung unbeachtlich; Zweifel müssen auf realen Anknüpfungspunkten beruhen.
Eine Aufklärungsrüge, die geltend macht, ein Beweismittel sei nicht voll ausgeschöpft worden, ist ausnahmsweise begründet, wenn aus den Urteilsgründen hervorgeht, dass ein Zeuge zu einer für die Entscheidung erheblichen Frage nicht vernommen wurde.
Vorinstanzen
Landgericht Trier, 14. Juli 1983
Rubrum
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
2 StR 704/83
in der Strafsache gegen ██████ P. O., den Arbeiter Federico ██████, geboren am ██████ 1953 in ██████, Italien, wegen Vergewaltigung
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 15. Februar 1984, an der teilgenommen haben:
Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Dr. Mödsl,
die Richter am Bundesgerichtshof Miller, Dr. Meyer, Theune, Gollwitzer als beisitzende Richter,
Staatsanwältin ██ als Vertreterin der Bundesanwaltschaft,
Justizangestellte ██ als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,
Tenor
Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Landgerichts Trier vom 14. Juli 1983 mit den Feststellungen aufgehoben.
Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Gründe
Die auf Verletzung formellen und sachlichen Rechts gestützte, vom Generalbundesanwalt vertretene Revision der Staatsanwaltschaft richtet sich gegen die Freisprechung des Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung. Das Rechtsmittel hat Erfolg.
I.
Im Urteil heißt es, zwar habe der Sachverständige die Zeugin ███ als mit großer Wahrscheinlichkeit glaubwürdig bezeichnet; es sei jedoch zweifelhaft, ob er an diesem Ergebnis festgehalten hätte, wenn er das weitere Aussageverhalten der Zeugin in der während seiner Abwesenheit fortgesetzten Hauptverhandlung miterlebt hätte.
1. Zu Recht vertritt die Beschwerdeführerin den Standpunkt, dass die Strafkammer gemäß § 244 Abs. 2 StPO verpflichtet gewesen wäre, ein ergänzendes Gutachten einzuholen, in dem die betreffenden späteren Bekundungen der Zeugin mitberücksichtigt werden. Durch die Beauftragung des Sachverständigen hatte der Tatrichter zu erkennen gegeben, dass er zumindest Zweifel hatte, ob er die zu einer sicheren Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Zeugin erforderliche Sachkunde besitzt. Die Folgerungen des Sachverständigen brauchte er zwar nicht zu übernehmen, sondern hatte sich ein eigenes Urteil zu bilden. Indem er dabei aber auf Umstände abgestellt hat, die dem Sachverständigen unbekannt gewesen waren und zu denen dieser sich deshalb nicht hätte äußern können, lässt sich seine Entscheidung nicht damit vereinbaren, dass er die Einholung eines Sachverständigengutachtens überhaupt für erforderlich erachtet hatte. Die betreffenden Umstände waren nicht derart, dass sich aus ihnen zwangsläufig die Unglaubwürdigkeit der Zeugin ergab. Die Strafkammer wäre daher gedrängt gewesen, entweder den Sachverständigen auch über seine Ansicht bezüglich dieser neuen Tatsachen zu befragen oder einen weiteren Sachverständigen zu hören.
2. Begründet ist ferner die Rüge, dass es das Landgericht pflichtwidrig unterlassen hat, den Zeugen ███ darüber zu vernehmen, ob er der Zeugin ███ die bei ihr festgestellten Verletzungen beigebracht hat. Zwar kann eine Aufklärungsrüge in der Regel nicht auf die Behauptung gestützt werden, der Tatrichter habe ein benutztes Beweismittel nicht voll ausgeschöpft (BGHSt 4, 125, 126). Im vorliegenden Fall ist aber eine Ausnahme von diesem Grundsatz gegeben. Den Urteilsgründen lässt sich entnehmen, dass der Zeuge ███ zu jener Frage nicht vernommen worden ist. Bei einer solchen Sachlage gilt der Grundsatz nicht. Da die Strafkammer schon der theoretischen Möglichkeit, dass der Zeuge der Verursacher der Verletzungen gewesen ist, wesentliche Bedeutung beigemessen hat, hätte sie nicht darauf verzichten dürfen, ihn zu jener Frage zu hören.
II.
Schließlich beruht die Beweiswürdigung auf mehreren Sachmängeln. Das Landgericht hat unter anderem ausgeführt:
„Wenn auch bei der Zeugin ███ und beim Angeklagten Verletzungszeichen vorgelegen haben, können diese auch andere Ursachen gehabt haben als die, die die Zeugin angegeben hat. Die bei der Zeugin festgestellten Male können ihr theoretisch auch von ihrem Freund, dem Zeugen ███, beigebracht gewesen sein, mit dem sie am Freitag noch Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Der die Zeugin untersuchende Frauenarzt hat eine Bestimmung des Alters dieser Male nicht vorgenommen.“
1. Welche „anderen Ursachen“ für die beim Angeklagten festgestellten Kratzspuren in Betracht kommen könnten, wird im Urteil nicht erörtert. Mit dieser Frage hätte sich die Strafkammer aber auseinandersetzen müssen; denn die Zeugin hatte bekundet, dass sie den Angeklagten am Hals und im Gesicht gekratzt und er zu ihr später unter Hinweis auf diese Verletzungen gesagt hat, sie solle einmal schauen, was sie angerichtet habe.
2. Abgesehen von dieser Lückenhaftigkeit der Urteilsbegründung hat das Landgericht die Anforderungen überspannt, die an die richterliche Überzeugungsbildung zu stellen sind. Dafür, dass der Zeuge ███ die Zeugin ███ gewürgt und an den Armen hart angefasst hatte, fehlt nach den Urteilsfeststellungen jeglicher Anhaltspunkt. Diese sprechen vielmehr eher gegen ein solches gewaltsames Einwirken des Zeugen auf die Zeugin. Beide haben sich an dem Sonntagabend getroffen und sind bis gegen 5.00 Uhr zusammengeblieben; über Spannungen zwischen ihnen haben die Mitanwesenden, soweit aus dem Urteil ersichtlich, nichts berichtet. Demgegenüber passte die Aussage der Zeugin zu den beim Angeklagten vorhandenen Verletzungen. Die vorstehend wiedergegebenen Zweifel des Landgerichts entbehren somit jeglichen realen Anknüpfungspunktes; sie gründen sich allein auf die Annahme einer rein gedanklichen theoretischen Möglichkeit. Derartige Bedenken haben aber bei der Beweiswürdigung außer Betracht zu bleiben (st. Rspr.).
Aus diesen Gründen muss das Urteil aufgehoben werden.
| Mödsl | Meyer | Gollwitzer | |||
| Miller | Theune |