Treffer
BGH Urteil

Revision: Zusammenhängendes Tatgeschehen als Totschlag — Strafausspruch aufgehoben

Gericht
BGH
Spruchkörper
2. Strafsenat
Aktenzeichen
2 StR 571/73
Datum
13.02.1974
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Der Angeklagte rügte die Verurteilung wegen Totschlags und dreier Körperverletzungen. Das Schwurgericht stützte sich auf seine Einlassung, hielt deren Richtigkeit aber teilweise für zweifelhaft. Der BGH änderte den Schuldspruch dahin, dass das gesamte Tatgeschehen als einheitlicher Totschlag zu würdigen ist, hob den Strafausspruch auf und verwies zur neuen Verhandlung. Maßgeblich waren Beweiswürdigung und der Grundsatz „in dubio pro reo“.

Abstrakte Rechtssätze

1

Ein Schuldspruch darf nicht auf die Einlassung des Angeklagten gestützt werden, wenn das Gericht an deren Richtigkeit erhebliche Zweifel hat; in solchen Fällen ist zugunsten des Angeklagten zu entscheiden.

2

Kann das Tatgeschehen nicht verlässlich in mehrere selbständige Taten differenziert werden, ist bei Zweifeln davon auszugehen, dass es sich um ein einheitliches Geschehen (z. B. Totschlag) handelt.

3

Bei unklarer Entstehung des Tötungsvorsatzes ist bei der Strafzumessung die für den Angeklagten günstigere Rekonstruktion des Vorsatzzeitpunkts zugrunde zu legen.

4

Wird der Schuldspruch oder die Rechtsgrundlage erheblich verändert, ist der Strafausspruch aufzuheben und die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuverweisen.

Vorinstanzen

Schwurgericht beim Landgericht Fulda, 17. Mai 1973

Rubrum

BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL

2 StR 571/73 in der Strafsache gegen den Hilfsarbeiter Reinhold Friedrich ██ ██ aus ██ █████, geboren am ██████████ in ████, zur Zeit in Untersuchungshaft, wegen Totschlags u. a.

Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 13. Februar 1974, an der teilgenommen haben: Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Schumacher, die Richter am Bundesgerichtshof Prof. Dr. Willms, Kirchhof, Dr. Müller, Baumgarten als beisitzende Richter, Bundesanwalt ██ als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Justizobersekretär ███ als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle, für

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Schwurgerichts beim Landgericht in Fulda vom 17. Mai 1973 1.) im Schuldspruch dahin geändert, dass der Angeklagte des Totschlags schuldig ist (§ 212 StGB), 2.) im Strafausspruch mit den Feststellungen aufgehoben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an das Schwurgericht zurückverwiesen.

Die weitergehende Revision wird verworfen.

Von Rechts wegen

Gründe

Das Schwurgericht hat den Angeklagten wegen „vorsätzlicher Tötung“ sowie wegen vorsätzlicher Körperverletzung in drei Fällen unter Bejahung der Voraussetzungen des § 51 Abs. 2 StGB zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten verurteilt und seine Unterbringung in einer Heil- oder Pflegeanstalt angeordnet.

Mit seiner Revision rügt der Angeklagte die Verletzung des sachlichen Rechts. Das Einzelvorbringen der Revision erschöpft sich zwar in dem unzulässigen Versuch, auf Grund eigener Schlussfolgerungen, die von denen des Tatrichters abweichen, zu anderen Feststellungen zu gelangen. Das Rechtsmittel hat jedoch aus folgendem Grund teilweise Erfolg:

Das Schwurgericht ist weitgehend von der Darstellung des Angeklagten ausgegangen. Dieser hat sich dahin eingelassen, er sei von dem später getöteten Günther nachts auf dem gemeinsamen Heimweg an drei verschiedenen Stellen tätlich angegriffen worden und habe jeden dieser Angriffe durch Faustschläge vergolten. Schließlich habe Günther, während er, der Angeklagte, gerade seine Notdurft habe verrichten wollen, von einem am Wegrand aufgestapelten Holzstoß einen Knüppel genommen und ihm damit fünf Schläge versetzt. Wegen des letzten Schlages, der beinahe seinen Kopf getroffen habe, sei er, der Angeklagte, zornig geworden und habe seinerseits mit einem Knüppel aus dem Holzstapel dreimal auf ██████ ██████ eingeschlagen, der daraufhin zu Fall gekommen sei. Ob er ihm dann noch weitere Schläge versetzt habe, wisse er nicht mehr, da er zu aufgeregt gewesen sei.

Das Schwurgericht hat im Anschluss an ein Sachverständigengutachten die Überzeugung erlangt, dass der Angeklagte mit dem Holzknüppel auch noch nach dem Sturz ███████████████ auf dessen Kopf, Hals und Körper mit Tötungsvorsatz eingeschlagen hat. Notwehrüberschreitung aus Bestürzung, Furcht oder Schrecken hat es verneint. Die Einlassung des Beschwerdeführers, vor dem Zuschlagen mit dem Knüppel sei es zu drei von Günther provozierten tätlichen Auseinandersetzungen gekommen, hat das Schwurgericht für nicht widerlegbar erachtet, obwohl sie in manchen Punkten zu erheblichen Zweifeln Anlass gebe; von ihr habe deshalb zugunsten des Angeklagten ausgegangen werden müssen. In keinem der drei Fälle der vorsätzlichen Körperverletzung könne sich der Angeklagte mit Erfolg auf Notwehr berufen.

Die Annahme des Schwurgerichts, das gesamte Tatgeschehen sei in ein Verbrechen des Totschlags und in drei diesem vorausgegangene Vergehen der Körperverletzung aufzuteilen, verstößt gegen den Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Denn es ist zu dieser Wertung allein auf Grund der Einlassung des Angeklagten gelangt, ohne die Überzeugung von deren Richtigkeit erlangt zu haben. Vielmehr hat es die Behauptung des Beschwerdeführers, er sei von ██████████ dem Erreichen des Holzstoßes an drei verschiedenen Wegstellen angegriffen worden und habe jeweils mit Fausthieben reagiert, in Zweifel gezogen, wie auf Bl. 15 und 16 UA („diese Zweifel werden … noch verstärkt“, „vorausgegangen sein sollen“) deutlich zum Ausdruck kommt. Dann durfte es aber die Verurteilung des Beschwerdeführers wegen dreier unter sich und mit dem Totschlag sachlich zusammentreffender Körperverletzungen nicht auf dessen Einlassung stützen. Eine weitere Klärung des Sachverhalts, die eine tragfähige Grundlage für eine solche Verurteilung erbringen könnte, wäre von einer neuen Hauptverhandlung nicht zu erwarten. Bei dieser Sachlage ist, soweit es sich um den Schuldspruch handelt, nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ zu dessen Gunsten davon auszugehen, dass er bereits mit Tötungsvorsatz handelte, als er auf dem Heimweg erstmals gegen Günther tätlich wurde. Dies hat zur Folge, dass das gesamte Tatgeschehen rechtlich nur als ein Verbrechen des Totschlags zu würdigen ist und eine gesonderte Verurteilung wegen Körperverletzung entfällt. Der Neufestsetzung der Strafe, die wegen der Änderung des Schuldspruchs erforderlich wird, ist dagegen – wiederum in Anwendung des Grundsatzes „im Zweifel für den Angeklagten“ – die für den Beschwerdeführer insoweit günstigere Möglichkeit zugrunde zu legen, dass er den Tötungsvorsatz erst beim Niederschlagen Günthers mit dem Holzknüppel gefasst hat, bis dahin also nur mit Körperverletzungsvorsatz tätig geworden war.

KirchhofSchumacherMüller
WillmsBaumgarten
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