Revision: Aufhebung des Strafausspruchs wegen Wegfalls des § 20a StGB und Zurückverweisung
- Gericht
- BGH
- Spruchkörper
- 2. Strafsenat
- Aktenzeichen
- 2 StR 47/70
- Datum
- 03.04.1970
- Rechtsgebiet
- Strafrecht
Abstrakte Rechtssätze
Wird eine für die Verurteilung maßgebliche strafrechtliche Vorschrift ersatzlos aufgehoben, ist dies im Revisionsverfahren zu berücksichtigen; der Strafausspruch ist gegebenenfalls aufzuheben und die Sache zur neuen Entscheidung zurückzuverweisen.
Der Rückfall ist nach der Gesetzesänderung ein allgemeiner, auf die Täterpersönlichkeit bezogener Strafzumessungsgrund und darf nicht als besondere Kennzeichnung "als Rückfalltäter" in den Urteilsspruch aufgenommen werden.
Eine Kennzeichnung der Tat als besondere Rückfallsform (z. B. "Diebstahl im Rückfall") ist ausgeschlossen, wenn das Gesetz eine solche Sonderform nicht mehr kennt.
Nach Wegfall einer einschlägigen Norm ist die Strafe nach den nunmehr anwendbaren Vorschriften zu bestimmen; dabei sind Übergangs- und Anwendungsregelungen zu beachten (z. B. §§ 243, 17 StGB in Verbindung mit einschlägigen Übergangsbestimmungen).
Vorinstanzen
Landgericht Marburg/Lahn, 26. September 1969
Rubrum
BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL 2 StR 47/70 in der Strafsache gegen den Melker Willi Hermann ohne festen Wohn- ███ sitz, geboren am █████ in [REDACTED] (Thüringen), zur Zeit in anderer Sache in Strafhaft, wegen schweren Diebstahls u. a.
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 3. April 1970, an der teilgenommen haben: Senatspräsident Dr. Baldus als Vorsitzender, Bundesrichter Dr. Willms Bundesrichter Kirchhof Bundesrichter Dr. Müller Bundesrichter Baumgarten als beisitzende Richter, Oberstaatsanwalt beim █████████████████ ██ als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Justizangestellter ██████
Tenor
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts in Marburg/Lahn vom 26. September 1969 im Strafausspruch mit den Feststellungen aufgehoben und die Sache in diesem Umfang zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten als gefährlichen Gewohnheitsverbrecher wegen schweren Rückfalldiebstahls sowie zweier einfacher Rückfalldiebstähle,
davon in einem Falle in Tateinheit begangen mit Fahren ohne Führerschein, zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Zuchthaus verurteilt und die Sicherungsverwahrung angeordnet. Die auf den Strafausspruch beschränkte Revision des Angeklagten hat Erfolg.
Der Strafausspruch kann schon deshalb nicht bestehen bleiben, weil die Strafkammer den Angeklagten als Rückfalldieb und gefährlichen Gewohnheitsverbrecher nach den §§ 244, 20a StGB verurteilt hat.
Die Bestimmung des § 20a StGB ist durch Art. 1 Nr. 6 des ersten Gesetzes zur Reform des Strafrechts vom 25. Juni 1969 (BGBl. I S. 645), das am 1. April 1970 in Kraft getreten ist, ersatzlos aufgehoben worden; das muss im Revisionsrechtszug berücksichtigt werden (§ 354a StPO).
Die Strafe ist nunmehr nach § 243 StGB, gegebenenfalls unter Anwendung des § 17 StGB (in Verbindung mit Art. 87 des 1. StrRG), zu bestimmen.
Hierbei ist eine Kennzeichnung „als Rückfalltäter“ nicht in den Urteilsspruch aufzunehmen. Die neue Vorschrift setzt nicht mehr gleiche Vortaten voraus; diese Bindung ist überall im Strafgesetzbuch beseitigt. Die Art der Vortaten ist jetzt unerheblich, sofern nicht ihre Verschiedenartigkeit dem Vorwurf entgegensteht, der Täter habe sich die früheren Verurteilungen zur Warnung dienen lassen sollen. Damit ist der Rückfall ein allgemeiner, entscheidend auf die Täterpersönlichkeit bezogener Strafzumessungsgrund geworden.
Entgegen vielfacher Übung sollte ein solcher allgemeiner Strafzumessungsgrund ohnehin nicht in den Urteilsspruch aufgenommen werden. Zudem scheidet jetzt eine Kennzeichnung der Tat als „Diebstahl im Rückfall“ schon deshalb aus, weil das Gesetz eine solche Sonderform des Rückfalls nicht mehr kennt. Aber auch eine Kennzeichnung „als Rückfalltäter“ verbietet sich angesichts der Gesetzesgeschichte.
§ 61 des Entwurfs 1962 (Bundestagsvorlage), der bereits zum allgemeinen Strafzumessungsgrund übergegangen war, hatte noch die Verurteilung „als Rückfalltäter“ ausdrücklich vorgesehen. Der Sonderausschuss des Bundestages hat in der 20. Sitzung (Drucksache V/383) einstimmig die Streichung dieser – den Täter möglicherweise unnötig belastenden – besonderen Kennzeichnung empfohlen.
| Baldus | Kirchhof | Baumgarten | |||
| Willms | Müller |
Zitiert von (30)
- BGH · 1 StR 45/70 · 21.04.1970Revision: Kein weiterer Nervenfacharzt erforderlich; Vollendung bei Einstecken von Münzgeld
- BGH · 2 StR 131/70 · 05.05.1970Revision verworfen; Streichung von 'schweren' und 'im Rückfall', Gefängnis in Freiheitsstrafe
- BGH · 4 StR 96/70 · 05.05.1970Revision: Strafausspruch aufgehoben wegen Wegfall der Kennzeichnung als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher
- BGH · 1 StR 119/70 · 21.04.1970BGH: Teiländerung des Schuldspruchs und Aufhebung des Strafausspruchs wegen Neufassung des StGB
- BGH · 2 StR 562/69 · 10.06.1970Revision: Aufhebung der Diebstahlsverurteilung wegen fehlender Feststellungen zum Rückfall (§17 StGB)
- BGH · 1 StR 132/70 · 26.05.1970Revision: Rückfall nicht mehr Schuldspruchbestandteil; Strafausspruch aufgehoben
- BGH · 1 StR 624/69 · 13.05.1970Revision teilweise stattgegeben: unvollständige Wahrunterstellung, Änderung wegen neuem Strafrecht
- BGH · 2 StR 55/70 · 03.04.1970BGH-Revision: Umrechnung Zuchthaus in Freiheitsstrafe und Zurückverweisung wegen Bewährung
- BGH · 4 StR 115/70 · 25.06.1970Revision im Gewohnheitsverbrecherfall: Wegfall „Rückfall“-Schuldspruch, Strafe aufgehoben
- BGH · 4 StR 210/70 · 11.06.1970Revision: Strafausspruch wegen Gesetzesänderung zur Rückfallregelung aufgehoben und zurückverwiesen
- BGH · 4 StR 32/70 · 23.04.1970Revision teilweise stattgegeben: Strafausspruch aufgehoben und zurückverwiesen wegen Rückfallrecht und Verfahrensrügen
- BGH · 4 StR 464/69 · 05.05.1970Revision: Strafausspruch aufgehoben wegen unklarer Anwendung des neuen Rückfallrechts
- BGH · 2 StR 369/69 · 10.04.1970Revisionen zur Rückfallanwendung (§17 StGB) teils aufgehoben, teils verworfen
- BGH · 2 StR 485/68 · 03.04.1970BGH: Schuldspruchanpassung und Strafaufhebung wegen StGB-Reform bei Bandendiebstahl
- BGH · 2 StR 579/69 · 26.06.1970Revision gegen Betrugsspruch wegen ungedeckter Schecks aufgehoben
- BGH · 2 StR 599/69 · 18.06.1970Revision: Aufhebung des Strafausspruchs wegen Gesetzesänderung und Widerspruch in der Strafzumessung
- BGH · 1 StR 103/70 · 29.05.1970Revision: Wiedereinsetzung und Neufassung des Schuldspruchs wegen Strafrechtsänderungen
- BGH · 1 StR 106/70 · 19.05.1970BGH: Wegfall des Rückfalldiebstahls – Schuldspruch geändert, Rückverweisung
- BGH · 1 StR 108/70 · 13.05.1970Revision teil-/erfolgreich: Umstufung von Rückfalldiebstahl und Rückverweisung
- BGH · 1 StR 226/70 · 24.06.1970Revision: Neufassung des Schuldspruchs und Aufhebung des Strafausspruchs wegen StGB-Änderung
- BGH · 1 StR 188/70 · 24.06.1970Revision: Änderung von Schuldspruch und Strafmaß infolge 1. StrRG, Zurückverweisung
- BGH · 1 StR 201/70 · 02.06.1970Revision teilweise stattgegeben: Schuldspruch geändert, Strafausspruch aufgehoben und zurückverwiesen
- BGH · 1 StR 221/70 · 24.06.1970Revision wegen StGB-Neufassung: Änderung des Schuldspruchs und Aufhebung des Strafausspruchs
- BGH · 1 StR 239/70 · 26.05.1970Revision: Wegfall des 'schweren Diebstahls' nach StGB-Novelle – Urteilssatz geändert
- BGH · 2 StR 161/70 · 26.05.1970Revision verworfen – 'im Rückfall' gestrichen; Gefängnis zu Freiheitsstrafe berichtigt
- BGH · 1 StR 524/69 · 26.05.1970Wiedereinsetzung und Teilaufhebung des Strafausspruchs nach Gesetzesänderungen
- BGH · 1 StR 611/69 · 02.06.1970Verlesung polizeilicher Vernehmungsniederschriften; Rückfallregelung und Strafzumessung
- BGH · 1 StR 621/69 · 21.04.1970Teilaufhebung des Strafausspruchs wegen Neufassung des § 243 StGB und Zurückverweisung
- BGH · 1 StR 622/69 · 14.04.1970Revision: Urteilsänderungen und Zurückverweisung wegen StGB-Neuregelungen
- BGH · 1 StR 64/70 · 14.04.1970Revision teilweise erfolgreich: Wiedereinsetzung und Änderung des Schuldspruchs wegen weggefallener Rückfallvorschrift