Treffer
BGH Urteil

Revision: Aufhebung wegen fehlender Feststellungen zur Trunkenheit bei Diebstahl im Rückfalle

Gericht
BGH
Spruchkörper
2. Strafsenat
Aktenzeichen
2 StR 468/57
Datum
04.12.1957
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Der Angeklagte rügt Verletzung der Aufklärungspflicht und sachliches Recht in Bezug auf seine Alkoholisierung bei Begehung eines Diebstahls im Rückfalle. Der BGH hebt die Verurteilung wegen Diebstahls im Rückfalle und den Strafausspruch auf und verweist zurück. Begründet wurde dies mit unzureichenden Feststellungen zur Menge des Alkoholgenusses und der dadurch fehlenden Grundlage für das Gutachten zur Zurechnungsfähigkeit.

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Strafkammer verletzt ihre Aufklärungspflicht, wenn sie nicht die konkreten Umstände der Alkoholisierung feststellt, obwohl die dazu erheblichen Zeugenaussagen erreichbar und veranlasst waren.

2

Ein Sachverständigengutachten zur Zurechnungsfähigkeit ist unbeachtlich, wenn die für seine Beurteilung erforderlichen tatsächlichen Grundlagen (z. B. Mengenangaben zum Alkoholgenuss) nicht festgestellt sind.

3

Ist Trunkenheit als Tatsachenfeststellung gegeben, kann nicht ohne weiteres die Möglichkeit totaler Trunkenheit und damit Unzurechnungsfähigkeit nach § 51 Abs. 1 StGB mit Sicherheit verneint werden.

4

Planmäßiges oder überlegtes Handeln schließt rauschbedingte Zurechnungsunfähigkeit nicht aus; gutes Erinnerungsvermögen ist für sich allein kein verlässlicher Beleg für erhaltene Hemmungsfähigkeit.

Vorinstanzen

Landgericht Düsseldorf, 30. Juli 1957

Rubrum

In dem Namen des Volkes

In der Strafsache gegen den Arbeiter Edmund ████, geboren am █████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████, zurzeit in Untersuchungshaft, wegen Diebstahls im Rückfalle u. a. hat der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in der Sitzung vom 4. Dezember 1957, an der teilgenommen haben: Senatspräsident Dr. Baldus als Vorsitzender, Bundesrichter Prof. Dr. Busch, Bundesrichter Dr. Dotterweich, Bundesrichter Scharpenseel, Bundesrichter Dr. Menges als beisitzende Richter, in der Verhandlung: Oberstaatsanwalt [REDACTED] als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Justizangestellter [REDACTED] als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle,

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts in Düsseldorf vom 30. Juli 1957 hinsichtlich der Verurteilung wegen Diebstahls im Rückfalle sowie im gesamten Strafausspruch mit den Feststellungen aufgehoben.

Die weitergehende Revision wird verworfen.

Im Umfange der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an das Landgericht in Köln zurückverwiesen.

Von Rechts wegen.

Tatbestand

Der Angeklagte ist wegen Unterschlagung und wegen Diebstahls im Rückfalle zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Seine Revision erhebt die Aufklärungsrüge und behauptet Verletzung des sachlichen Rechts. Sie hat teilweise Erfolg.

Eine Verletzung der richterlichen Aufklärungspflicht sieht die Revision darin, dass die Strafkammer keine näheren Feststellungen über den Zustand der Trunkenheit des Angeklagten bei Begehung der Straftaten getroffen hat, obwohl dies durch Vernehmung seines Zechkumpanen möglich gewesen wäre und auf diese Weise insbesondere die Menge der genossenen alkoholischen Getränke hätte ermittelt werden können.

Der Angeklagte hatte die von Dieben weggeworfenen zwei Stangen amerikanische Zigaretten an sich genommen und eine Gastwirtschaft in der Altstadt aufgesucht, wo er einen Bekannten traf, der V-Mann der Polizei ist. Mit diesem zusammen besuchte er dann noch weitere Gastwirtschaften in der Altstadt, wo beide Bier und Schnaps tranken, „bis sich der Angeklagte im Zustand der Trunkenheit befand“. Der V-Mann hatte den Angeklagten zum Trinken animiert und ihn zur Wegschaffung der Gegenstände aus den amerikanischen Kraftwagen überredet, von denen der Angeklagte ihm als seinem Bekannten erzählt hatte. Der „unter Alkohol stehende“ Angeklagte entwendete daraufhin diese Sachen aus dem Kraftwagen und brachte sie in dem Koffer, den ihm der V-Mann zu diesem Zweck gegeben hatte, in dessen Wohnwagen.

Nach den Darlegungen des Urteils ist der Angeklagte zur Tatzeit für seine Handlungen verantwortlich gewesen. Der Sachverständige hat ausgeführt, dass er auch dann, wenn er „angetrunken“ sei, das Unerlaubte seines Tuns einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln vermöge; eine krankheitsbedingte Intoleranz gegen Alkohol liege bei ihm nicht vor; Unzurechnungsfähigkeit im Sinne des § 51 Abs. 1 StGB sei vom medizinischen Standpunkt aus für die Zeit des Diebstahls mit Sicherheit auszuschließen.

Die Strafkammer stellt dazu noch weiter fest, dass der Angeklagte nach seiner Einlassung zeitlich und örtlich orientiert gewesen sei und mit Überlegung den Diebstahl ausgeführt habe; nach der Auffassung des Gerichts wäre er im Falle seiner völligen Trunkenheit auch nicht in der Lage gewesen, den langen Weg zum Tatort hin und zurück zu gehen.

Schließlich bemerkt das Urteil, der Sachverständige habe bei dem Angeklagten für beide Tatzeiten, der Unterschlagung und des Diebstahls, die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 und 2 StGB verneint, jedoch eingeräumt, dass der Angeklagte infolge des Alkoholgenusses etwas enthemmt gewesen sein möge.

Gegenüber diesen Feststellungen des Urteils greift die Aufklärungsrüge der Revision durch. Denn es fehlt eine nähere Feststellung darüber, in welchem Maße der Angeklagte vor dem Diebstahl alkoholische Getränke zu sich genommen hatte. Die vor dem Alkoholgenuss begangene Unterschlagung der von Dieben weggeworfenen amerikanischen Zigaretten wird allerdings durch die spätere Trunkenheit des Angeklagten nicht berührt, so dass insoweit seine Revision keinen Erfolg haben kann. Mangels einer Aufklärung darüber, welche Mengen alkoholischer Getränke der Angeklagte, animiert durch den V-Mann, zu sich genommen hatte, ehe er sich auf dessen Zureden hin zu dem Diebstahl entschloss, entbehrt das Gutachten des Sachverständigen der erforderlichen tatsächlichen Grundlage und ist daher bedeutungslos. Die Feststellung der Menge der genossenen alkoholischen Getränke drängte sich der Strafkammer auch deshalb besonders auf, weil der Verteidiger in der Hauptverhandlung die Vernehmung des V-Manns als Zeugen darüber beantragt hatte, dass der Angeklagte die ihm zur Last gelegte Tat im Zustand der Trunkenheit begangen habe. Dieser Beweisantrag musste bei dem Gericht die Aufklärung darüber anregen, in welchem Maße der Angeklagte vor dem Diebstahl dem Alkohol zugesprochen hatte, um sich ein verlässliches Bild über seinen Zustand bei Ausführung der Tat zu verschaffen (siehe BGH 4 StR 96/55 vom 28. April 1955 in GA 1955, 269). Die Verurteilung wegen Diebstahls im Rückfalle hat daher keinen Bestand.

Auch die Sachrüge muss insoweit zur Aufhebung des Urteils führen. Nachdem „Trunkenheit“ des Angeklagten zur Zeit des Diebstahls als wahr unterstellt worden war, konnte nicht mehr ohne weiteres angenommen werden, eine totale Trunkenheit mit der Folge der Unzurechnungsfähigkeit im Sinne des § 51 Abs. 1 StGB sei mit Sicherheit zu verneinen. Das ist denkgesetzlich fehlerhaft. Es konnte nicht mehr von bloßer „Angetrunkenheit“ gesprochen werden, weil Trunkenheit feststand. Auch diese Mängel des Urteils nötigen zu seiner Aufhebung. Hinzu kommt, dass planmäßiges Handeln rauschbedingte Zurechnungsunfähigkeit nicht ausschließt (vgl. BGHSt 4, 384), so dass aus der überlegten Ausführung des Diebstahls für sich allein nicht auf die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten geschlossen werden konnte. Ebensowenig ist das gute „Erinnerungsvermögen“ des Täters ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Hemmungsfähigkeit bei ihm zur Zeit der Tat noch vorlag (vgl. BGH 1 StR 790/52 vom 23. Juni 1953, in MDR 1953, 596).

Die aufgezeigten Rechtsfehler des Urteils führen also zu seiner Aufhebung hinsichtlich des Diebstahls im Rückfalle sowie im Strafausspruch für die Unterschlagung; dies um deswillen, weil sich nicht ausschließen lässt, dass die Strafe wegen Unterschlagung durch die Verurteilung wegen Diebstahls im Rückfalle und die dazu getroffenen Feststellungen beeinflusst ist.

Der Senat hat von der Bestimmung des § 354 Abs. 2 Satz 2 StPO Gebrauch gemacht.

Dr. DotterweichBaldusMenges
BuschScharpenseel
Revision: Aufhebung wegen fehlender Feststellungen zur Trunkenheit bei Diebstahl im Rückfalle — Themis