Revision verworfen: Verurteilung wegen fortgesetzter Abtreibung bestätigt
- Gericht
- BGH
- Spruchkörper
- 2. Strafsenat
- Aktenzeichen
- 2 StR 395/67
- Datum
- 04.10.1967
- Rechtsgebiet
- Strafrecht
Abstrakte Rechtssätze
Zur Verurteilung wegen Abtreibung nach § 218 Abs. 3 StGB ist nicht erforderlich, die genaue Art der vorgenommenen Abtreibungsmaßnahmen vollständig festzustellen; es genügt, dass aus den Feststellungen hervorgeht, dass die Maßnahmen auf die Tötung oder Gefährdung der Leibesfrucht gerichtet waren.
Maßnahmen, die nach dem Plan des Täters den vorzeitigen Abgang der Leibesfrucht einleiten und bereits die Gefahr für das Leben der Leibesfrucht begründen, sind als Anfang der Ausführung und damit als Versuch zu werten.
Für den ursächlichen Zusammenhang zwischen einem ärztlichen Eingriff und dem Fruchtabgang reicht es aus, dass der Eingriff geeignet war, den Abgang herbeizuführen; es ist unerheblich, ob die Abtreibung unmittelbar oder mittelbar (z.B. durch eine anschließende Allgemeininfektion) eintrat.
Fehlende äußerliche Verletzungen der Unterleibsorgane schließen die Annahme eines vom Arzt vorgenommenen abtreibungsbezweckten Eingriffs nicht aus; ärztliche Eingriffe können ohne sichtbare organische Verletzungen erfolgen.
Die Beweiswürdigung des Tatrichters ist insbesondere dann tragfähig, wenn sie widerspruchsfrei den Zusammenhang zwischen dem letzten Eingriff und dem Fruchtabgang darlegt und mögliche alternative Ursachen hinreichend ausschließt.
Vorinstanzen
Landgericht Köln, 17. Februar 1967
Rubrum
BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in der Strafsache gegen den praktischen Arzt Dr. med. Walter K., geboren am ████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████ in [REDACTED], wegen Abtreibung.
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 4. Oktober 1967, an der teilgenommen haben:
Bundesrichter Willms als Vorsitzender, Bundesrichter Dr. Kirchhof, Bundesrichter Meyer, Bundesrichter Henning, Bundesrichter Baumgarten als beisitzende Richter,
Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof ████ bei der Verkündung, Staatsanwalt ████████████ als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Rechtsanwalt ████████████ als Verteidiger, Justizangestellter ████ als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle,
Tenor
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts in Köln vom 17. Februar 1967 wird verworfen.
Der Angeklagte hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.
Von Rechts wegen.
Gründe
Der Angeklagte nahm bei der ledigen Verkäuferin Anorte ███████, die schwanger war, Maßnahmen zur Unterbrechung der Schwangerschaft vor, die zunächst fehlschlugen, aber nach dem vierten Eingriff zum Fruchtabgang und infolge einer Allgemeininfektion zum Tode des Mädchens führten.
Die Strafkammer hat ihn wegen fortgesetzter Abtreibung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Seine Revision bleibt erfolglos.
Der Schuldspruch wegen vollendeter Abtreibung wird von den Feststellungen getragen.
Allerdings hat die Strafkammer nicht feststellen können, welcher Art im einzelnen die Maßnahmen waren, die der Angeklagte zum Zwecke der Abtreibung der Leibesfrucht vornahm.
Dies beanstandet die Revision in mehrfacher Hinsicht.
Soweit es sich nicht bloße um unzulässige Angriffe gegen die Beweiswürdigung handelt, die keiner Erörterung bedürfen, ist folgendes zu sagen:
Zum Nachweis eines Verbrechens nach § 218 Abs. 3 StGB braucht nicht festgestellt zu werden, in welcher Weise der Angeklagte tatsächlich den die Tötung der Leibesfrucht bezweckenden und schließlich erreichenden Eingriff vorgenommen hat. Dies hat der Bundesgerichtshof schon in einer Entscheidung vom 14. Januar 1954 (3 StR 270/53) ausgesprochen, der sich der Senat anschließt. Das Gesetz selbst bezeichnet die Abtreibungsmittel nicht, die vielfältiger Natur sein können. Hier ergeben die Feststellungen, dass der Angeklagte bei den beiden ersten Besuchen der Schwangeren in seiner Praxis am 11. und 13. Mai 1964 mit Maßnahmen begann, *„um den vorzeitigen Abgang der Leibesfrucht einzuleiten“*. Daraus folgt aber, dass es sich nicht mehr um eine straflose Vorbereitung, sondern bereits um den Anfang der Ausführung einer Abtreibung handelte, weil nach dem Plane des Angeklagten durch die von ihm angewandten Mittel das Leben der Leibesfrucht bereits gefährdet war. Dass es aus ebenfalls ungeklärten Gründen zunächst nicht zum Fruchtabgang kam, wie sich beim dritten Besuch der Schwangeren am 22. Juni 1964 zeigte, stempelt die bisherigen Einzelhandlungen rechtlich zum Versuch.
Den Feststellungen ist weiter zu entnehmen, dass der Angeklagte am 30. Juni 1964 mit den Abtreibungsmaßnahmen fortfuhr. Auch hier konnten Einzelheiten nicht ermittelt werden. Dass die Strafkammer aber einen Eingriff für nachgewiesen ansieht, ergibt der Hinweis auf die Aussagen des Zeugen PCB (S. 27 UA), der die Erzählung seiner Freundin über den Besuch wiedergab.
Schließlich ist auch der ursächliche Zusammenhang zwischen dem letzten Eingriff am 3. Juli 1964 und dem Fruchtabgang (oder der Fehlgeburt) in der Nacht zum 5. Juli 1964 bedenkenfrei dargetan, so dass mit Recht eine vollendete Abtreibung angenommen wurde. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Eingriff unmittelbar zur Abtötung der Leibesfrucht führte oder ob es infolge des Eingriffs im Anschluss daran zu einer allgemeinen Blutvergiftung kam, die das Ausstoßen der Frucht bewirkte.
Die Strafkammer hat die Überzeugung von diesem Zusammenhang widerspruchsfrei begründet. Sie hat einen septischen Spontanabort, der auch nach dem Gutachten des zugezogenen Gynäkologen Dr. Bolte kaum jemals vorkommt, sowie einen Eingriff von dritter Seite im vorliegenden Fall mit eingehender Beweiswürdigung ausgeschlossen.
Sollte diese Überzeugung nicht schon in der Feststellung der „Täterschaft“ des Angeklagten (S. 22 UA) zum Ausdruck kommen, so ist sie jedenfalls in der einleitenden Zusammenfassung vor der Sachverhaltsschilderung (S. 3 UA II) und in der Schlussfeststellung (S. 41 UA V) klar ausgesprochen. Beidemal ist festgestellt, dass der letzte Eingriff zum Abgang der Frucht geführt hat.
Diese Feststellung steht nicht im Widerspruch zu dem Gutachten der Professorin Dr. Trube-Becker.
Mit den „Manipulationen“, durch die nach dem Gutachten Bazillen in die Gebärmutter eingebracht wurden (S. 19 UA), kann nur ein Eingriff zu Abtreibungszwecken gemeint sein. Der gesamte Inhalt des ausführlich wiedergegebenen Gutachtens weist auf einen solchen Eingriff hin.
Die Strafkammer war überzeugt, dass dieser Eingriff vom Angeklagten herrührte, und hat dies eingehend und rechtsfehlerfrei begründet. Dass die Sachverständige keine Verletzungen der Unterleibsorgane der Getöteten feststellen konnte, überrascht nicht angesichts des Umstandes, dass der Eingriff durch einen Arzt vorgenommen wurde.
Ebenso wenig steht der Verurteilung entgegen, dass der Angeklagte nicht auch wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden ist. Für die Strafkammer war ersichtlich die Überlegung maßgebend, dass er ein gynäkologisch ausgebildeter und erfahrener Arzt ist, der bei dem Eingriff alles getan hat, um eine Infektion zu verhüten.
Dies lässt aber die Feststellungen zum ursächlichen Zusammenhang zwischen diesem Eingriff und dem Fruchtabgang wie auch zum Abtreibungsvorsatz des Angeklagten unberührt. Ob die Strafkammer eine Fahrlässigkeit zu Recht
verneint hat, braucht im Übrigen nicht erörtert zu werden, da er dadurch nicht beschwert ist. Dies gilt auch von der Annahme eines Fortsetzungszusammenhangs zwischen den Abtreibungsversuchen und der vollendeten Abtreibung.
Da auch der Strafausspruch einen Rechtsfehler nicht erkennen lässt, ist die Revision zu verwerfen.
| Kirchhof | Willms | Baumgarten | |||
| Meyer | Henning |