BGH: Anwendung WaffG vor KWKG; Grenzen des Lockspitzels bei Waffenhandel
- Gericht
- BGH
- Spruchkörper
- 1. Strafsenat
- Aktenzeichen
- 1 StR 477/80
- Datum
- 21.10.1980
- Rechtsgebiet
- Strafrecht
Abstrakte Rechtssätze
Bei tragbaren Schusswaffen ist das Waffengesetz (insbesondere § 6 Abs. 3 WaffG) lex specialis gegenüber dem KWKG; dessen einschlägige Vorschriften treten insoweit zurück.
Das Überlassen der tatsächlichen Gewalt über eine Waffe setzt voraus, dass der Empfänger die tatsächliche Möglichkeit erlangt, über die Waffe nach eigener Entscheidung zu verfügen.
Der Einsatz eines polizeilichen Lockspitzels ist zwar grundsätzlich zulässig zur Bekämpfung schwer aufklärbarer Kriminalität; er unterliegt jedoch Grenzen, und provozierendes oder mit Drohungen verbundenes Verhalten der Staatsorgane kann das Verfahren beeinträchtigen und die Rechtmäßigkeit der Verfolgung in Frage stellen.
Fehlen hinreichende Feststellungen dazu, ob ein Lockspitzel die Tat veranlasst oder der Beschuldigte durch polizeilichen Druck zu Taten veranlasst wurde, ist die Verurteilung aufzuheben und die Sache zur erneuten Feststellung und Entscheidung zurückzuverweisen.
Beeinträchtigt die Aufhebung eines Einzelstrafen die Gesamtstrafenbildung, ist die Gesamt- bzw. Einzelstrafenentscheidung aufzuheben und neu zu prüfen.
Vorinstanzen
Landgericht Stuttgart, 19. März 1980
Rubrum
IM NAMEN ███ ██████ URTEIL
in der Strafsache gegen ████ wegen Vergehens gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz u. a.
Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 21. Oktober 1980, an der teilgenommen haben: Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Pikart, die Richter am Bundesgerichtshof Herdegen, Dr. Ulsamer, Dr. Maul, Dr. Foth als beisitzende Richter, █████████████████ als Vertreter der Bundesanwaltschaft, Rechtsanwalt ███ aus ████ als Verteidiger des Angeklagten ████, Rechtsanwalt Dr. ███ █ aus ███ als Verteidiger des Angeklagten Helmut ████, Justizhauptsekretärin ████ als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,
Tenor
I. Auf die Revisionen der Angeklagten ███ und Helmut ████ wird das Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 19. März 1980 mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben
1. soweit die ███████████ ██ sowie der Mitangeklagte Rudolf ██ verurteilt worden sind, 2. soweit der Angeklagte Helmut im Fall II 2 der Urteilsgründe verurteilt worden ist und im gesamten ihn betreffenden Strafausspruch,
II. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Revisionen, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen,
III. Die weitergehende Revision des Angeklagten Helmut ████ wird verworfen.
Gründe
Von Rechts wegen.
Das Landgericht hat den Angeklagten Helmut ████ wegen eines gemeinschaftlichen Verbrechens des Überlassens der tatsächlichen Gewalt über Kriegswaffen ohne Genehmigung in Tateinheit mit einem Vergehen des Führens einer Schusswaffe sowie wegen eines Vergehens der Herstellung von Kriegswaffen ohne Genehmigung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die Angeklagten ██ und ██ jeweils wegen eines ██████████████████ Verbrechens des Überlassens der tatsächlichen Gewalt über Kriegswaffen ohne Genehmigung, bei ██ in Tateinheit mit einem Vergehen des Führens einer Schusswaffe, zu ████████████████ von einem Jahr und sieben Monaten ███████ und einem Jahr und zehn Monaten ████ verurteilt.
Mit ihren Revisionen erheben die ███████████ Verfassungsrügen und machen die Verletzung sachlichen Rechts geltend. Die Revisionen der Angeklagten ██ und ██ haben in vollem Umfang, die Revision des Angeklagten Helmut ████ hat teilweise Erfolg.
1. Auf die von allen Angeklagten erhobenen Aufklärungsrügen, die darauf hinauslaufen, das Landgericht habe keine ausreichenden Feststellungen dazu getroffen, dass das abgeurteilte Waffengeschäft (Fall II 2 der Urteilsgründe) von Anfang an allein vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg initiiert worden sei und dass auf den Angeklagten █████ von seitens eines der als Aufkäufer auftretenden Polizeibeamten schwerer psychischer Druck ausgeübt worden sei, das angebahnte Geschäft durchzuführen, kommt es nicht an, weil in diesem Falle die Sachrüge durchgreift.
2. In sachlich-rechtlicher Hinsicht bestehen gegen das angefochtene Urteil durchgreifende Bedenken, soweit die Angeklagten im Falle II 2 wegen des Überlassens der tatsächlichen Gewalt über Kriegswaffen verurteilt worden sind.
a) Das Landgericht hat auf den hierzu festgestellten Sachverhalt zu Unrecht die Vorschriften des Gesetzes über die Kontrolle von Kriegswaffen (KWKG) vom 20. April 1961 (BGBl. I S. 444) angewendet.
Maschinenpistolen sind zwar an sich Kriegswaffen und fallen damit grundsätzlich unter das KWKG. Für tragbare Schusswaffen gilt jedoch nach § 6 Abs. 3 WaffG eine Sonderregelung; insbesondere ist Überlassung und Vertrieb automatischer Selbstladewaffen im Waffengesetz durch §§ 37 Abs. 1, Abs. 2, 52a Abs. 1 unter Strafe gestellt. § 16 Abs. 1 KWKG, die vom Landgericht auf den Sachverhalt angewendete Vorschrift, tritt daneben zurück, denn insoweit ist das Waffengesetz lex specialis zu den allgemeinen auf Kriegswaffen anwendbaren Vorschriften des KWKG (vgl. Hinze, Waffenrecht § 16 KWKG Anm. 2).
Schon aus diesem Grund kann der Schuldspruch im Fall II 2 nicht aufrechterhalten werden; das gilt auch für die tateinheitliche Verurteilung der Angeklagten ██ und Helmut ████ wegen unerlaubten Führens einer Schusswaffe.
b) Die Aufhebung des Urteils in diesem Fall ist zugleich auf den Angeklagten Rudolf ██ zu erstrecken, der keine Revision eingelegt hat.
3. a) Die Verurteilung des Angeklagten Helmut ████ wegen eines Vergehens des Herstellens von Kriegswaffen lässt dagegen Rechtsfehler nicht erkennen. Insoweit kam eine Anwendung des Waffengesetzes nicht in Betracht, weil sein § 6 Abs. 3 in der hier maßgeblichen Fassung erst durch das Gesetz zur Änderung des Waffengesetzes vom 4. März 1976 eingeführt und erst am 1. Juli 1976 in Kraft getreten ist (BGBl. I S. 417, 431). Nach den getroffenen Feststellungen hat der Angeklagte auch nicht nur Kriegswaffen ausgebessert, sondern solche hergestellt, denn die von ihm als Dekorationswaffen gekauften Maschinenpistolen wiesen derartige Mängel auf, dass sie in ihrem ursprünglichen Zustand nicht mehr als Kriegswaffen angesehen werden konnten (vgl. Hinze a. a. O. § 2 KWKG Anm. 3).
b) Dagegen kann auch die in diesem Fall verhängte, für sich gesehen rechtsfehlerfreie Einzelstrafe keinen Bestand haben, da nicht auszuschließen ist, dass sie durch die aufgehobene Einzelstrafe im Falle II 2 beeinflusst worden ist. Ebenso ist die gegen Helmut ████ verhängte Gesamtstrafe aufzuheben.
4. Für die neue Hauptverhandlung wird bemerkt:
a) Bei einer Verurteilung wegen eines Verbrechens gegen das Waffengesetz (vgl. die vorstehenden Ausführungen unter 2. a) wird das Überlassen an einen anderen voraussetzen, dass dieser die tatsächliche Möglichkeit erlangt, über die Waffe nach eigener Entscheidung zu verfügen, was hier nach den bisherigen Feststellungen zweifelhaft erscheint (vgl. RGSt 66, 249, 250; Hinze a. a. O. § WaffG Anm. 4; vgl. auch BGHSt 28, 294, 295). Vertreiben stellt demgegenüber alle auf Warenabsatz ausgerichteten Betätigungen dar; erfasst wird auch der schuldrechtliche Teil des Geschäfts (Hinze a. a. O. § 7 WaffG Anm. 11).
b) Nach den bisher getroffenen Feststellungen ist davon auszugehen, dass der Anstoß zu diesem Waffengeschäft von der Polizei gegeben wurde. Zwar lässt das Urteil die Rolle des Mannes, der sich ███ nannte (UA S. 7), offen, doch stellte dieser jedenfalls den Kontakt zwischen dem Angeklagten ██ und den angeblichen Aufkäufern Alex und Harry, die für die Polizei arbeiteten, her (UA S. 8).
Grundsätzlich bestehen zwar keine rechtlichen Bedenken dagegen, dass im Rahmen der Bekämpfung besonders gefährlicher und schwer aufklärbarer Kriminalität, zu der auch der illegale Waffenhandel zählt, der polizeiliche Lockspitzel (agent provocateur) eingesetzt wird (BGH GA 1975, 333 m. w. Nachw.). Andererseits steht außer Frage, dass es Grenzen tatprovozierenden Verhaltens des polizeilichen Lockspitzels geben muss, deren Nichtbeachtung als ein dem Staat zuzurechnender Rechtsverstoß „in das Strafverfahren hineinwirken würde“ (Kleinknecht StPO 34. Aufl., § 163 Rdn. 32). Das dem Grundgesetz und der Strafprozessordnung immanente Rechtsstaatsprinzip untersagt es den Strafverfolgungsbehörden, auf die Verübung von Straftaten hinzuwirken, wenn die Gründe dafür vor diesem Prinzip nicht bestehen können (BGH MDR 1980, 681, 682; vgl. BGHSt 24, 125, 131; BGH NJW 1980, 464 Nr. 19). Der Staat darf grundsätzlich unbescholtene Bürger nicht zur Begehung von Straftaten verleiten (vgl. BVerfG, Beschluss vom 11. September 1980 – 2 BvR 995/80).
Die bisherigen Feststellungen lassen nicht erkennen, welchen Anlass die Polizei hatte, den Angeklagten ██ zu einem illegalen Waffengeschäft zu veranlassen und ihn – wie das Landgericht jedenfalls nicht ausschließen kann – im Verlauf der Verhandlungen darüber durch die Drohung mit Repressalien gegen seine Familie unter Druck zu setzen.
Aus dem Urteil ist weder zu entnehmen, dass ██ bereits vorher als Waffenhändler in Erscheinung getreten war, noch wird ein gegen ihn in diese Richtung bestehender Verdacht dargelegt; er verfügte anscheinend auch nicht über Verbindungen zu Waffenhändlern, denn jedenfalls zu dem Mitangeklagten ██ hat er erst zu einem späteren Zeitpunkt und nur durch Zufall Kontakt gefunden; ██ seinerseits erinnerte sich erst später an den Mann, der schließlich die Waffen lieferte, nämlich den Mitangeklagten Helmut ████, der seinerseits bisher als Waffenhändler nicht in Erscheinung getreten war (UA S. 7–9).
Bei diesen bisher nur lückenhaften Feststellungen entstehen Zweifel, ob im vorliegenden Falle die wesentlichen Voraussetzungen gegeben waren, die den Einsatz eines Lockspitzels rechtfertigten. Insbesondere bleibt Grundlage und Ausmaß eines gegen ██ bestehenden Verdachts offen (vgl. BGH MDR 1980, 681, 682); auch darüber, in welcher Weise ██ ████ den Angeklagten ███ dazu bewog, Waffen zu beschaffen, sagt das Urteil nichts.
Ebenso können die Bedenken hinsichtlich der möglicherweise gegen ███████ ausgesprochenen Drohung nicht allein mit der Erwägung ausgeräumt werden, sie sei für die Tat nicht ursächlich gewesen. Damit ist noch nicht erörtert, dass eine solche Drohung jedenfalls geeignet erscheinen könnte, einen in seinen Entschlüssen schwankend werdenden Täter bei der Stange zu halten und dass es mit rechtsstaatlichen Grundsätzen kaum vereinbar wäre, dem Abspringen des von einem Lockspitzel angesprochenen Täters mit solchen Mitteln entgegenzuwirken.
c) Für den Fall, dass das Landgericht in seinem neuen Urteil erneut über eine Strafaussetzung zur Bewährung gemäß § 56 Abs. 2 StGB zu entscheiden haben sollte, wird schließlich darauf hingewiesen, dass eine nur formelhafte Wiedergabe des Gesetzeswortlauts regelmäßig keine ausreichende Ablehnungsbegründung darstellt.
| Ulsamer | Pikart | Maul | |||
| Herdegen | Foth |