Treffer
BGH Beschluss

Beschwerde gegen Entschädigungsentscheidung wegen Untersuchungshaft verworfen

Gericht
BGH
Spruchkörper
1. Strafsenat
Aktenzeichen
1 StR 447/88
Datum
13.09.1988
Rechtsgebiet
Strafrecht
Quelle
Die Staatsanwaltschaft rügte die Entscheidung des Landgerichts, den Angeklagten nach Freispruch für die Untersuchungshaft vom 6.9.1987 bis 1.3.1988 zu entschädigen. Der Bundesgerichtshof verwirft die sofortige Beschwerde und bestätigt, dass kein Ausschlussgrund nach §5 StrEG vorliegt. Entscheidend war, dass die Haft allein bzw. überwiegend auf unrichtigen Aussagen Dritter beruhte und der Angeklagte diese nicht verursacht hat. Die Staatskasse trägt die Kosten des Rechtsmittels.

Abstrakte Rechtssätze

1

Ein Ausschluss des Entschädigungsanspruchs nach § 5 StrEG setzt voraus, dass der Beschuldigte durch eigenes Verhalten ursächlich für die Anordnung oder Aufrechterhaltung der Untersuchungshaft geworden ist.

2

Maßgeblich für die Anwendung des § 5 Abs. 2 StrEG ist die Kausalität zwischen dem vom Beschuldigten verursachten Verhalten und der konkreten Haftanordnung; bloße, nicht ursächliche Verdachtsmomente genügen nicht.

3

Beruht die Anordnung oder Aufrechterhaltung der Untersuchungshaft allein oder überwiegend auf unrichtigen Zeugenaussagen, gilt nicht unmittelbar tatbezogenes Verhalten des Beschuldigten als ursächlich i.S.v. § 5 Abs. 2 StrEG.

4

Die Würdigung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen durch den Tatrichter kann feststellen, dass die zur Inhaftierung führenden Angaben nicht tragfähig sind, sodass ein Ausschlussgrund nach § 5 StrEG nicht gegeben ist.

Rubrum

BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS

1 StR 447/88

in der Strafsache gegen Cae ███████, geboren am ████████, Sachbezeichnung: Bianca ██████████ – wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln u. a.

Gründe

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundesanwalts am 13. September 1988 beschlossen:

Die sofortige Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung über die Entschädigungspflicht der Staatskasse im Urteil des Landgerichts Memmingen vom 1. März 1988 wird verworfen.

Die Kosten des Rechtsmittels und die dem Angeklagten insoweit erwachsenen notwendigen Auslagen trägt die Staatskasse.

Das Landgericht hat durch Urteil vom 1. März 1988 den Angeklagten vom Vorwurf des unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln freigesprochen und angeordnet, dass der Angeklagte für die vom 6. September 1987 bis zum 1. März 1988 dauernde Untersuchungshaft zu entschädigen ist. Die gegen die Freisprechung gerichtete Revision der Staatsanwaltschaft hat der Senat durch Urteil vom heutigen Tage verworfen. Die gegen den Ausspruch über die Entschädigungspflicht gerichtete sofortige Beschwerde der Staatsanwaltschaft, für deren Entscheidung der Senat zuständig ist (vgl. BGH StV 1984, 475), hat ebenfalls keinen Erfolg.

Der Senat stimmt mit dem Generalbundesanwalt darin überein, dass die Strafkammer einen Ausschlussgrund nach § 5 StrEG – wenn auch insoweit eine nähere Erörterung in den Urteilsgründen fehlt – im Ergebnis zu Recht nicht für gegeben erachtet hat. Der Angeklagte hat die ihm zur Last gelegte Tat von Anfang an bestritten. Der Haftbefehl des Ermittlungsrichters des Amtsgerichts Neu-Ulm vom 7. August 1987 und die Aufrechterhaltung dieses Haftbefehls im Eröffnungsbeschluss des Landgerichts Memmingen vom 21. Dezember 1987 beruhen allein auf den Bekundungen der Mitangeklagten, die der Tatrichter – rechtsfehlerfrei – als unglaubwürdig beurteilt hat. Der Angeklagte hat diese für seine Inhaftierung ursächlichen Aussagen nicht im Sinne des § 5 Abs. 2 StrEG verursacht. Die von der Beschwerdeführerin angeführten Verdachtsgründe (Konsum von Haschisch, Besitz von Geräten, die auf einen Umgang mit Haschisch schließen lassen) waren ausweislich der genannten Haftentscheidungen für die Inhaftierung des Angeklagten nicht ursächlich und haben auch keinen unmittelbaren Bezug zu dem Tatvorwurf des unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln, der zur Inhaftierung des Angeklagten und zur Erhebung der Anklage gegen ihn führte.

Im Übrigen wäre ein derartiges – nicht unmittelbar tatvorwurfbezogenes – Verhalten des Beschuldigten auch dann nicht ursächlich im Sinne des § 5 Abs. 2 StrEG, wenn es zwar bei der Beurteilung der Verdachtslage mit berücksichtigt worden sein sollte, die Strafverfolgungsmaßnahme aber – wie hier – allein oder überwiegend infolge unrichtiger Aussagen von Zeugen oder Mitbeschuldigten angeordnet, vollzogen und aufrechterhalten worden ist (vgl. Kleinknecht/Meyer, StPO, 38. Aufl., StrEG § 5 Rn. 7 m. w. Nachw.).

MaulGranderathBrüning
UlsamerGerlach
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